Musterschüler Deutschland
 


Die Strategien, die deutsche NS-Vergangenheit „passend“ zu machen und den Deutschen zu einer so genannten „gesunden Einstellung zu ihrem Land“ zu verhelfen, haben in den letzten 60 Jahren gewechselt, aber die Stoßrichtung war immer dieselbe: Man sucht eine Erinnerungslandschaft, die deutsche Schuld auf ein erträgliches Maß minimiert.
Die aktuelle Version dieser Suche nach einer positiven nationalen Identität ist nicht mehr trotziges Schweigen und dumm-dreistes Leugnen, sondern ein offensives Bekenntnis zu deutschen Verbrechen, mit dem man zugleich einen moralischen Auftrag verbindet. Bereits 1987 erklärte der Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Sohn des als Kriegsverbrecher verurteilten hohen Diplomaten in Diensten des NS-Reichsaußenministeriums Ernst von Weizsäcker, dass Deutsch-Sein „kein naturgegebenes Schicksal, sondern eine Aufgabe“ sei. Die Lehren, die die Deutschen aus ihrer Vergangenheit gezogen haben, sollten nun, zum Wohle der Menschheit, über die Welt verbreitet werden. Politische Beobachter aus allen Lagern machen nun regelmäßig eine gemeinsame Ursache aller gewaltsamen Konflikte aus, nämlich den „Dämon“ Nationalismus, der in Deutschland erfolgreich in Form des Verfassungspatriotismus gezähmt worden sei. Diese Zivilisationsleistung steht nun gleichsam zum Export bereit.


Wenn alle Konflikte vom Nationalismus ausgehen, dann teilen auch alle Opfer dieser Konflikte eine Gemeinsamkeit: Sie sind Opfer nationalistischer Gewalt; eine Gemeinsamkeit, die gerade im Kontext des geplanten „Zentrums gegen Vertreibungen“ geradezu exzessiv betont wird. In diesem Zentrum sollen sich, laut BdV-Vorsitzender Erika Steinbach, „die Themen ‚Juden’ und ‚Vertriebene’ ergänzen“ und für allgemeine, gegenseitige Empathie geworben werden.
Zugleich fordert der Vorsitzende der Stiftung „Sächsische Gedenkstätten“, Norbert Haase: „Man muss an das eine Unrecht erinnern können, ohne das andere zu verschweigen.“ Im wiedervereinigten Deutschland wird aber nicht einfach nur verschiedenen Unrechten gedacht, sondern geradezu manisch das eine Unrecht in eine Beziehung zu dem anderen Unrecht gestellt. Das verbindende Element aller in der Diskussion stehenden Unrechte ist immer wieder der Nationalismus: Die Opfergruppen werden einander als Opfer des Nationalismus gleich. So wie die CDU-Bundestagsfraktion in ihrem „Gedenkstättenplan“ vom 17. Juni 2004 SED- und NS-Diktatur gleichsetzt, so würden im Zentrum gegen Vertreibungen eine Vielzahl von Vertreibungen aufgereiht werden und trotz der allerorten beteuerten „Unvergleichbarkeit der Judenverfolgung“ eben diese mit in die undefinierte Schublade der „Opfer des Nationalismus“ fallen. Und dann findet der deutsche Drang zum moralisch-empörten Fingerzeig endlich auch seine in Stein gehauene Entsprechung: Die „Sache mit den Juden“ ist nun endgültig mit in die Verbrechen anderer Völker eingereiht und der deutsche „Unrechtsstaat“, wie er verniedlichend gerne genannt wird, nur noch eine weitere Nationalismusvariante. Im Kampf gegen den „Dämon“ Nationalismus fühlen sich Deutsche wieder als moralische Sieger.


Doch dass der Dämon gar nicht so dämonisch ist, übersieht man dann natürlich gerne. ‚Nationalismus’ ist mehr als nur eine Chiffre für das Böse, und der deutsche (oder, wenn ein kosmopolitischer Europäer das Wort führt: der westeuropäische) Patriotismus ist bestimmt vieles, aber keine „Lösung“ des so oft angeführten Nationalismusproblems.
Die Unterscheidung zwischen Nationalismus und Patriotismus ist auch zentraler Gegenstand des Textes über "Benign Nationalism". Obwohl nicht direkt auf die Vertreibungsdebatte eingegangen wird, dürfte der Vergleich zweier großer Theoretiker der Nationalismusforschung doch zu einer dringend erforderlichen Klärung des Nationalismus-Begriffs beitragen.

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