Über vergessene sudetendeutsche Vorläufer und Mitstreiter Hitlers



Der Beitrag der sudetendeutschen nationalsozialistischen Bewegung 1918-1945 zur Geschichte des Nationalsozialismus ist bisher wenig bekannt. Ebenso vernachlässigt wurde in der bisherigen Geschichtsforschung die Rolle, die die sudetendeutschen Nationalsozialisten zwischen 1918 und 1938 in der Tschechoslowakei spielten. Die soeben erschiene Studie von Eva Hahn: Über Rudolf Jung und vergessene sudetendeutsche Vorläufer und Mitstreiter Hitlers (in: Hans Henning Hahn (Hg.): Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten, Frankfurt am Main 2007, S. 91-143) bietet neue Einblicke in Zusammenhänge, die sich für die gesamteuropäischen Geschichte der 1920er und 1930er Jahre als bedeutungsvoll erweisen sollten. Die folgenden Hinweise vermitteln den ersten Eindruck über die „vergessenen sudetendeutschen Vorläufer und Mitstreiter Hitlers“.


So ist es etwa nahezu in Vergessenheit geraten, dass die Farben schwarz-rot-gold historisch nicht immer nur für die deutschen republikanisch-demokratischen Traditionen standen. Im Jahre 1919 bekannten sich auch Nationalsozialisten zu diesen Farben:

„Das schwarz-rot-goldene Sturmbanner weht uns voran. Es soll uns aus Nacht zum Licht, aus Schmach und Knechtschaft wieder zur Freiheit führen. In weithin strahlenden Lettern aber trage es sein Zeichen ‚Nationaler Sozialismus‘. Er ist unser Wegbereiter, er der Stürmer! In seinem Zeichen werden wir siegen. Alle, die für ihn eintreten im Deutschböhmer- und Sudetenland, im sonnigen Südmähren und in den arg bedrängten Sprachinseln, an den sagenumsponnenen Ufern der Donau, an den Hängen der Alpen und neuerdings im Deutschen Reiche, sie alle grüße ich. Wir sind Brüder eines Geistes und der Geist kennt keine Grenzen.“

Mit diesen Worten brachte der sudetendeutsche Politiker Rudolf Jung (1882-1945) im Jahre 1919 seine Hoffnungen zum Ausdruck, dass sich die Nationalsozialisten aus der Tschechoslowakei, aus Österreich und aus Deutschland unter dem ‚schwarz-rot-goldenen Sturmbanner‘ gemeinsam um die ‚Wiedergewinnung ihrer Freiheit‘ bemühen mögen. Das erklärte er im Vorwort zu seinem Buch Der nationale Sozialismus. Eine Erläuterung seiner Grundlagen und Ziele, das damals in der tschechoslowakischen Stadt Opava/Troppau erschien. Der nationalsozialistische Geist kenne keine Grenzen, meinte er und rief zum Aufbruch in allen drei benachbarten Staaten auf: „Brüder und Schwestern, auf ans Werk!“ Ziele, die Rudolf Jung mit dem Begriff ‚Freiheit‘ assoziiert hatte, unterschieden sich grundlegend von dem liberal-demokratischen Verständnis der Freiheit, das dem parlamentarisch-demokratischen politischen System der Tschechoslowakischen Republik zugrunde lag und derer Staatsbürger Rudolf Jung damals geworden war. Die Nationalsozialisten im Deutschen Reich galten damals als Neuankömmlinge, die sich erst „neuerdings“ zu der Bewegung gesellt hätten. Es war damals kaum vorstellbar, dass die von Rudolf Jung hier angesprochenen ‚Brüder und Schwestern‘ im ‚nationalsozialistischen Geist‘ innerhalb von zwanzig Jahre drei neu gegründete demokratische Republiken zerschlagen und Europa in einen neuen Krieg stürzen würden. Die bis heute wenig bekannten sudetendeutschen Vorläufer und Mitstreiter Adolf Hitlers spielten bei dem damals noch bevorstehenden ‚Erfolg‘ der Nationalsozialisten eine bedeutende Rolle.

Rudolf Jung gehörte zu den führenden sudetendeutschen Nationalsozialisten, und seine Lebensgeschichte zeigt anschaulich, warum die Geschichte der nationalsozialistische Bewegung keineswegs nur aus dem Kontext des Deutschen Reiches erklärt werden kann. Die nationalsozialistische Bewegung war eine grenzübergreifende rechtsradikale Bewegung, die sich in den 1920er und 1930er Jahren parallel in Deutschland, Österreich und in der Tschechoslowakei zu einer Massenbewegung entwickelte und von Anfang an gleichermaßen in fundamentalistischer Opposition zur Weimarer Republik, zur Republik Österreich und zur Tschechoslowakischen Republik stand. Sie ging aus den so genannten alldeutschen Organisationen hervor, die sich schon vor 1918 um die Vergrößerung des Deutschen Reiches durch den Anschluss Österreichs und der vorwiegend von deutschsprachiger Bevölkerung bewohnten Grenzgebiete der Böhmischen Länder - des heutigen Tschechien - bemüht hatten. Die Farben schwarz-rot-gold galten im späten 19. und frühem 20. Jahrhundert als Symbolfarben der alldeutschen Bewegung, und deshalb begegnen wir in Jungs 1919 erschienenem Buch Der nationale Sozialismus dem Bild eines ‚schwarz-rot-goldenen Sturmbanners‘ als Symbol des Nationalsozialismus.

Im Jahre 1919, als Jungs Buch Der nationale Sozialismus erschienen war, wurde in München jene Deutsche Arbeiterpartei gegründet, die sich 1920 in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannte. Die ideologische und organisatorische Vereinigung der grenzübergreifenden nationalsozialistischen Bewegung aus der Tschechoslowakei, aus Österreich und Deutschland schritt rasch voran. Jung wurde zum beliebten Redner auf nationalsozialistischen Versammlungen in Deutschland, sein 1919 in der Tschechoslowakei erschienene Buch wurde zum Bestseller der Rechtsradikalen. In München erschien 1922 die „zweite, vollständig umgearbeitete“ Auflage und ein Jahr später die dritte, abermals vollständig umgearbeitete Auflage unter dem Titel Der nationale Sozialismus. Seine Grundlagen, sein Werdegang und seine Ziele. Im Völkischen Beobachter propagiert, wurde es auch im Rundschreiben der NSDAP mit Nachdruck empfohlen: „Wir weisen auf dieses Werk besonders hin und ersuchen alle Ortsgruppen, für weiteste Verbreitung des Buches Sorge zu tragen.“

In der Tschechoslowakei gehörte die DNSAP zunächst zu den kleinen Parteien, aber entwickelte sich rasch zu einer auch zahlenmäßig bedeutenden sudetendeutschen Partei, wie der Historiker Andreas Luh feststellte: „In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre konnte die DNSAP einen außerordentlichen Mitgliederanstieg und einen enormen Stimmenzuwachs bei Gemeindewahlen verzeichnen und weite Wählerpotentiale der übrigen sudetendeutschen Parteien auf sich vereinigen.“ Das auffälligste Phänomen in der Geschichte der DNSAP ist das schlagartige Anwachsen ihrer Popularität um 1930, als sie zur weitaus mitgliederstärksten sudetendeutschen Partei überhaupt avancierte. Die DNSAP erzielte aber auch in den Jahren 1931/32 erstaunlich hohe Wahlergebnisse in den Kommunalwahlen, als sie in zahlreichen Ortschaften ihren Anteil an den Wählerstimmen mehr als verdoppeln konnte – in Most/Brüx erreichte sie 50 Prozent aller deutschen Wählerstimmen, in Fulnek 58 Prozent, in Karviná/Karwin 62 Prozent und in Kopřivnice/Nesseldorf sogar 81%. Deshalb kommt Andreas Luh zu der Schlussfolgerung: „Die DNSAP entwickelte sich vor ihrem behördlichen Verbot im Oktober 1933 zu einer Sammlungspartei der Sudetendeutschen“ und weist darauf hin, daß seit 1931 die DNSAP von der NSDAP auch formal als ein Teil der Gesamtpartei betrachtet wurde.

Während damals die führenden Politiker der DNSAP die Loyalität ihrer Partei zur Demokratie und der Tschechoslowakei beteuerten, wurde ihre Anhängerschaft von der Entwicklung im benachbarten Deutschland inspiriert. Vor allem jüngere Menschen sollen wie gebannt über die deutsch-tschechoslowakische Grenze hingeschaut haben, erläuterte 1938 Erhardt Eckert: „Der Ruf des kämpferischen Nationalsozialismus fand in der kämpferischen Jugend des Sudetendeutschtums begeisterten Widerhall.“ In der „grenz- und auslandsdeutschen Jugend“ soll das Bekenntnis zum Nationalsozialismus in den Jahren 1931 und 1932 „stürmischer, unbedingter […] als im binnendeutschen Raum“ gewesen sein. Der Aufstieg der DNSAP erfolgte nahezu zeitgleich mit dem der NSDAP. Bei den Parlamentswahlen 1935 gaben rund 1,2 Millionen Deutsche ihre Stimme Henleins SdP, von denen schon zuvor rund 1 Million zu Anhängern des Nationalsozialismus gehört haben. Die Popularität des Nationalsozialismus unter den Sudetendeutschen war weder eine Reaktion auf die Politik tschechoslowakischer Regierungen, noch eine Folge der Machtergreifung Hitlers im benachbarten Deutschen Reiche. Vielmehr bestätigt der schlagartige Aufstieg der DNSAP in den Jahren 1929-1933 zur populärsten deutschen politischen Partei in der Tschechoslowakei die Beobachtung des sudetendeutschen Sozialdemokraten Wenzel Jaksch (1896-1966): „Von 1931 bis 1933 wirkten die Vorgänge in Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei aufeinander wie kommunizierende Gefäße.“