Geschichte Tschechiens


Die Geschichte Tschechiens wird in Deutschland in der Regel als „die Geschichte der Böhmischen Länder“ bezeichnet.

Die Ursache liegt in der Überzeugung vieler Deutscher, daß Tschechien als ein erst 1993 gegründeter Staat keine Geschichte haben könne; sie meinen, früher habe es nur „die böhmischen Länder“ gegeben und deshalb könne es nur die „Geschichte der böhmischen Länder“ geben. Dies ist kein gutes Argument, da sich die Bezeichnungen aller Länder und Staaten überall im Laufe der Jahrhunderte zu ändern pflegen und wir z. B. auch nicht von der „Geschichte des Heiligen Römischen Reiches“ im 15. oder im 20. Jahrhundert sprechen, sondern einfach von der „deutschen Geschichte“. Deshalb besteht auch keine Notwendigkeit, von der „Geschichte der böhmischen Länder“ zu reden, wenn wir die tschechische Geschichte meinen.

So wie wir von der „deutschen Geschichte“ sprechen und darunter die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches ebenso, wie die Geschichte Bayerns oder Preußens, der Weimarer Republik, der Dritten Reiches und schließlich der DDR und der Bundesrepublik Deutschland zusammenzufassen pflegen, können wir von der „tschechischen Geschichte“ sprechen und darunter die gesamte wechselvolle Geschichte aller Staaten subsumieren, die auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens je existiert haben.

Die tschechische Geschichte beginnt mit der Entstehung des ersten tschechischen Staates, also mit einem Vorgang, der eng mit der Formung der mittelalterlichen tschechischen Nation zusammenhing. Davor wechselten auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens sowohl die Einwohner (Kelten, Markomannen, Quaden etc.), wie auch die Formen ihres Zusammenlebens. In alten Chroniken und auf alten Landkarten begegnen wir dennoch stets der Bezeichnung „Boemi“ sowie der davon abgeleiteten Bezeichnung „Bohemia“. Der slawischen Übersetzung dieses lateinischen Begriffspaars und damit der Vorgängerin des heutigen „Češi“ und „Čechy“ (Tschechen und Tschechien) begegnen wir seit dem 9. Jahrhundert. Bis zum Beginn des 20. Jahrhundert galten auch in deutscher Sprache die Begriffe „böhmisch“ und „tschechisch“ als Synonymen und so werden sie auch im folgenden verwendet.


Um 885 Prag wird Sitz der ältesten tschechischen Fürstendynastie, der Přemysliden, unter deren Herrschaft es zur Herausbildung einer einheitlichen staatsrechtlichen Struktur in Böhmen (Čechy) und zur Angliederung Mährens (Morava) sowie weiterer umliegender Gebiete im heutigen Deutschland und Polen (des Glatzer Landes und Teilen der Lausitz) kam
929 (oder 935) Der später berühmteste Přemysliden-Fürst und Nationalpatron Böhmens, Svatý Václav (Heiliger Wenzel) ermordet
997 Der Prager Bischof Vojtěch (Heiliger Adalbert) von den heidnischen Pruzzen ermordet
1085 Vratislav II. zum ersten tschechischen König gekrönt
um 1100 Cosmas von Prag verfaßt die Cronica Bohemorum, die erste umfassende historische Chronik zur tschechischen Geschichte
1158 Vladislav I. zum zweiten tschechischen König gekrönt
1182 Errichtung der Markgrafschaft Mähren
1212 Die Goldene Sizilianische Bulle Friedrichs II. ordnet das Verhältnis des tschechischen Staates zum Heiligen Römischen Reich, indem sie die innere Unabhängigkeit der přemyslidischen Länder Böhmen und Mähren sowie deren Unteilbarkeit und die freie Königswahl anerkennt, die erbliche Königswürde und das Investiturrecht gegenüber den Bischöfen bestätigt, die Romfahrtspflicht in eine Geldleistung unwandelt, das Recht, entfremdete Gebiete wieder zu gewinnen, gewährt und die Hoftagspflicht einschränkt
1252 Der sog. eiserne und goldene König Přemysl Otokar II. wird Herzog von Österreich (danach Eroberung von Steiermark, Kärnten und Krain). 1255 gründet er die später bekannte ostpreussische Stadt Königsberg
13. Jh. Die sog. deutsche Kolonisation bringt deutschsprachige Bevölkerung nach Böhmen, die dort vorwiegend in den Grenzregionen bis 1945 lebt und etwa 1/3 der Gesamtbevölkerung bildet
1310 Die Dynastie der Luxemburger übernimmt den böhmischen Königsthron und leitet die politische und territoriale Expansion der Böhmischen Krone ein (Egerland, die Ober- und niederschlesische Herzogtümer, Herzogtum Görlitz, Markgraftum Brandenburg, Neumark)
1346 Der böhmische König Karl IV. wird zum römischen König (und 1355 zum Kaiser) gewählt
1348 Auf einem Generallandtag erläßt Karl IV. dreizehn Urkunden, die in Zukunft die Rechtsgrundlage für den Zusammenhalt der Länder der Böhmischen Krone (Corona Bohemiae) bilden. Gleichzeitig stiftet er die böhmische St.-Wenzels-Krone
1348 Gründung der Universität in Prag
1355/1356 Die Goldene Bulle Karls IV. erlassen, die zum Teil bis 1806 als das Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches Gültigkeit behält und die Sonderstellung der Länder der Böhmischen Krone darin sowie das Recht der böhmischen Stände, ihren König frei zu wählen, festschreibt
1380 Schwere Pestepidemie
1402 Magister Jan Hus wird Prediger der Prager Bethlehemskapelle
1409 Das Kuttenberger Dekret gewährt der „natio Bohemica“ gegenüber der „natio Teutonica“ das Mehrheitsrecht an der Prager Universität
1415 Magister Jan Hus stirbt den Märtyrertod durch Verbrennung in Konstanz
1420 Verkündung der programmatischen sog. Vier Prager Artikel der Hussitischen Bewegung
1419-1430 Siegreiche Abwehrkämpfe der Hussiten gegen fünf Kreuzzüge
1433-1436 Anerkennung der Hussitischen Konfession in Böhmen und Mähren durch den Basler Konzil sowie den Kaiser Sigismund
1458 Wahl des „Hussitenkönigs“ Georg von Podiebrad
1471 Der polnische Prinz Wladislaw Jagiello zum bömischen König gewählt
1526 Wahl des Habsburgers Ferdinand I. zum böhmischen König
1541 Großer Stadtbrand in Prag, bei dem u. a. große Teile des böhmischen Landesarchivs vernichtet werden
1556 Ankunft des Jesuitenordens in Prag, der bis zur seiner Auflösung 1773 zur Hauptstütze der habsburgischen antireformatorischen Bestrebungen wird
1578-1594 Die sog. Kralitzer Übersetzung der Bibel ins Tschechische
1618 Konflikt zwischen den böhmischen Ständen und den Habsburgern führt zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges durch den sog. Prager Fenstersturz
1619 Friedrich von der Pfalz zum bömischen König gewählt
1620 Verlust der Unabhängigkeit der böhmischen Stände durch die Niederlage in der Schlacht auf dem Weißen Berge, infolge dessen schwere Verfolgungen und Vertreibungen, gewaltsame Gegenreformation und die Zentralisierung, die zur Sicherung der Vormachtsstellung der deutschsprachigen Bevölkerung führen
1621 Die Hinrichtung von 27 führenden Persönlichkeiten des antihabsburgischen Widerstandes in Prag
1680 Großer Bauernaufstand
1741-1748 Verlust des Großteils von Schlesien an Preußen in den Österreichischen Erbfolgekriegen
1774 Aufhebung der Böhmischen Hofkanzlei in Wien durch Maria Theresia
1784 Die vier Prager Städte (Staré Město, Nové Město, Malá Strana, Hradčany) erhalten eine moderne gemeinsame einheitliche Verwaltungsstruktur
1789/90 Václav Matěj Kramerius gründet seine bekannte Zeitung, seinen Verlag sowie die Buchhandlung „Česká expedice“ in Prag, die zum Mittelpunkt der sog. Tschechischen nationalen Wiedergeburt werden
1838 František Palacký, der Verfasser erster moderner wissenschaftlicher Studien zur böhmischen Geschichte, wird zum Landeshistoriograph der böhmischen Stände
1848/49 Tschechische Bestrebungen, im europäischen Revolutionsjahr die eigenen emanzipatorsche Forderungen gegen die absolutistischen Praktiken der Habsburger Monarchie durchzusetzen
1879 Tschechische Politiker nehmen ihre Tätigkeit im Wiener Reichsrat auf und bekräftigen ihre staatsrechtlichen Forderungen
1882 Teilung der Prager Universität in zwei Universitäten: die „k. k. böhmische Karl-Ferdinands-Universität“ und die „k. k. deutsche Karl-Ferdinands-Universität“
1897 Der habsburgische Ministerpräsident und Innenminister Kasimir Felix Graf Badeni erläßt die sog. Badenischen Sprachenverordnungen, die die doppelsprachige Amtsführung und damit sprachliche Gleichberechtigung in Böhmen und Mähren einführen (Massive Proteste deutscher Bevölkerung und Straßenkrawalle führten zum Sturz Badenis und zum Mißerfolg seiner Ausgleichbemühungen)
1918 Gründung der Tschechoslowakischen Republik auf der Grundlage eines liberal-demokratischen parlamentarischen Verfassungsystems
1937 Tod des international geschätzten ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, des Philosophieprofessors und Publizisten Tomáš G. Masaryk, der seit 1882 eine führende Rolle im tschechischen öffentlichen Leben gespielt hat (zu seinem Nachfolger wird 1935 sein engster Vertrauter und Mitarbeiter, der ebenfalls seit dem Ersten Weltkrieg international bekannte Soziologe und Diplomat, Edvard Beneš gewählt)
15. 9. 1938 Die führenden Funktionäre der „Sudetendeutschen Partei“ flüchten nach Deutschland, errichten das sog. Sudetendeutsche Freikorps und rufen zum bewaffneten Kampf unter Hitlers Führung gegen die Tschechoslowakei und zum Anschluß der vorwiegend deutsch besiedelten Grenzgebiete an das Deutsche Reich auf (siehe auch: Sudetendeutsche Geschichte)
30. 9. 1938 Durch die Münchener Viermächte-Konferenz erzwungene Abtretung der vorwiegend deutsch besiedelten Grenzgebiete der Tschechoslowakischen Republik; das Ende der ersten Tschechoslowakischen Republik
1938-1939 Die sog. zweite Tschechoslowakische Republik unter starkem Druck des nationalsozialistischen Deutschen Reichs
1939-1945 Deutsche Wehrmacht besetzt den restlichen Teil des Landes und führte die NS-Terrorherrschaft ein; Errichtung des sog. Protektorat Böhmen und Mähren durch das Deutsche Reich
1945/46 Im Zusammenwirken der tschechoslowakischen Behörden mit den Alliierten Siegermächten wird im Rahmen der Aussiedlung deutscher Minderheiten aus Osteuropa die nahezu gesamte deutschsprachige Bevölkerung nach Deutschland umgesiedelt
25. 2. 1948 Kommunistische Machtübernahme
1968 Unterdrückung der sog. Prager Frühlings infolge des militärischen Einmarsches der Armeen der Warschauer Pakt Staaten
1989 Befreiung von der kommunistischen Diktatur
1. 1. 1993 Teilung der Tschechoslowakischen Föderativen Republik in die Tschechische und die Slowakische Republik