Eine neue Dokumentation
Stefan Troebst (Hg.): Vertreibungsdiskurs und europäische Erinnerungskultur.
Deutsch-polnische Initiative zur Institutionalisierung. Eine Dokumentation (=
Veröffentlichungen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bundesverband e.V., Bd.
11), fibre-Verlag Osnabrück 2006, S. 209-211
Im fibre Verlag ist eine bemerkenswerte Dokumentation der deutschen Diskussionen
über die Vertreibung aus den Jahren 2002-2006 erschienen. Sie ist nicht
argumentativ konzipiert und versucht auch nicht, die Vielfalt der Erinnerungen
an die Vertreibung zu erfassen. Weder die Vielfalt von Interpretationen jener
historischen Ereignisse, die in Deutschland zusammenfassend als Vertreibung
bezeichnet werden, noch die Vielfalt der in der deutschen Öffentlichkeit
artikulierten Stellungnahmen zu den umstrittenen geschichtspolitischen
Entscheidungen und Projekten sollen hier dokumentiert werden. Vielmehr handelt
es sich um eine wichtige und interessante Dokumentation zur staatlich
geförderten Geschichtspolitik der BRD. Im Mittelpunkt stehen die von der SPD
initiierten Bemühung, das deutsche Erinnern an die Vertreibung zu
‚europäisieren‘.
Die bescheidenen Erfolge dieser Bemühungen fasst der SPD-Abgeordnete Markus
Meckel in seinem Vorwort zusammen: „Ergebnis dieser Bemühungen - und wahrlich
eine schwere Geburt - ist das von Deutschland, Polen, Ungarn und der Slowakei
initiierte Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität.“ (S. 16)
Dieses ‚Europäische Netzwerk‘ ist ganz offensichtlich weder als ein Projekt zu
verstehen, das dem Kennenlernen verschiedener Erinnerungen dienen soll, noch
scheint es die Förderung erinnerungskultureller Vielfalt für ein vorrangiges
Ziel demokratischer Geschichtspolitik zu halten. Aus den Worten von Markus
Meckel geht vielmehr hervor, daß es sich um eine zielorientierte Initiative
handelt, internationale Unterstützung für die deutsche Geschichtspolitik im
Bereich Vertreibung auf zwischenstaatlicher Ebene zu institutionalisieren:
„In den Verhandlungen über das Netzwerk erwies es sich nicht möglich, die
europäische Vertreibungsgeschichte in das Zentrum dieses gemeinsamen Projektes
zu rücken. Gerade Polen - aber auch die Vertreter der Tschechischen Republik -
wollten eine breiter angelegte Zielsetzung. So einigte man sich auf eine sehr
umfassende Themenstellung: die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, die Leiden
der Zivilbevölkerung durch Kriege sowie Zwangsmigrationen. Dieses breite
Themenspektrum konnte zunächst als Nachteil, als Verwässerung angesehen werden.
Doch bieten sich dadurch auch Chancen.“ (S. 16)
Über die Zielsetzung werden keine klaren Aussagen gemacht. Aus manchen
Formulierungen geht nur hervor, daß es um eine Zielsetzung geht, die nur mühsam
umzusetzen ist:
„Die beiliegende Dokumentation verdeutlicht, wie steinig der Weg bisher war, und
welche Kraft wir noch investieren müssen, um gemeinsam unsere Geschichte in
Europa aufzuarbeiten. Sie zeigt, dass wir heute noch ganz am Anfang stehen.“ (S.
16)
Die Bezeichnung ‚europäisch‘ wird hier keineswegs im gängigen Sinne des Wortes
verwendet, da die „Kraft“, die „wir noch investieren müssen“, offensichtlich
keineswegs allen Europäern gleichermaßen gelten soll und der „Weg“ keineswegs zu
allen europäischen Staaten führt:
„Aber der Weg ist lohnend! [...] Ich hoffe deshalb sehr, dass sich noch weitere
Länder in Ostmitteleuropa, insbesondere die Tschechische Republik, anschließen
werden.“ (S. 17)
Die in diesem Band vorliegende Quellenedition bietet eine Zusammenstellung
politisch relevanter Dokumente (politische Stellungnahmen, individuelle
Äußerungen von Politikern, Historikern und Publizisten), die den ‚steinigen Weg‘
begleitet haben, den die SPD-Bemühungen zur ‚Europäisierung‘ des deutschen
Erinnerns an die Vertreibung bisher zurückgelegt hat: „Neben rund 60 offiziellen
und halbamtlichen Quellen enthält der Band auch Hintergrundberichte des
Herausgebers“, wie auf dem Buchumschlag zu erfahren ist. Die Dokumentation soll
einen Einblick in die „Werkstatt“ der „Gedenk- und Jubiläumskultur, in der
Geschichtspolitiker der Regierungen und Parlamente - bisweilen unter Mithilfe
von Historikern - erste Elemente einer künftigen europäischen Erinnerungskultur
aushandeln.“ (Buchumschlag)
Da hier die Argumente der ‚nicht offiziellen und halbamtlichen‘ Kritiker des
Europäisierungs-Projekts nicht vorgestellt werden, können die Leser dieser
Dokumentation nicht erfahren, warum der „steinige Weg“ deutscher
„Geschichtspolitiker der Regierungen und Parlamente - bisweilen unter Mithilfe
von Historikern -“ so schwer ist. Da hier sogar deutsche Kontroversen nicht
berücksichtigt und erläutert wurden, erfahren die Leser nicht einmal, daß und
warum die Argumente der Protagonisten dieser Initiative nicht nur im Ausland,
sondern auch innerhalb der freien demokratischen Debatten in Deutschland
umstritten sind. Ohne Respekt für Meinungsvielfalt und eine offene demokratische
Diskussion aller Stimmen ist es selbstverständlich illusorisch „erste Elemente
einer künftigen europäischen Erinnerungskultur aushandeln“ zu wollen; das hier
gewählte etatistische Konzept der Geschichtspolitik ist auch der Grund dafür,
warum die hier dokumentierten geschichtspolitischen Bemühungen in einem freien
demokratischen Europa kaum auf größere Erfolge hoffen können, als ihnen bisher
beschieden wurden.
Die Dokumentation ist dennoch interessant. Zu den bemerkenswerten Quellen
gehören die persönlichen Erfahrungsberichte des Herausgebers Stefan Troebst,
namentlich seine protokollarischen Notizen aus den
deutsch-polnisch-slowakisch-ungarischen Verhandlungen, die unentwegt zum
amüsierten Lächeln verführen. Beachtenswert ist auch die bisher in Deutschland
kaum bekannte Stellungnahme der französischen Delegation der Parlamentarischen
Versammlung des Europarats zum Vorschlag auf Gründung eines „Europäischen
Gedenkzentrums für Opfer von Zwangsvertreibung und ethnischer Säuberung“
(Straßburg, 24. Januar 2005), weil sie in einer knappen und klaren Sprache die
in Frankreich populären Argumente gegen die deutschen
‚Europäisierungs‘-Bemühungen zum Ausdruck bringt,
vgl. hier.