Erich Später: Mythos Vertreibung. Eine Veröffentlichung, die das Zeug zum Standardwerk hat: die erste umfassende, kritische Übersichtsstudie über das Wirken der Vertriebenenverbände,
in: Konkret 10/2011, s. 24f.

Die »Vertreibung im deutschen Erinnern«, ihre Legenden und ihre Geschichte haben die beiden Historiker Hans Henning Hahn und Eva Hahn untersucht. Hans Henning Hahn begann seine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Köln bei Theodor Schieder, jenem Historiker, der als wissenschaftlicher Leiter die von der Adenauer-Regierung finanzierte Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa zu verantworten und sich vor 1945 als Verfasser antisemitischer Denkschriften hervorgetan hatte. Hahn promovierte bei ihm und arbeitete von 1977 bis 1988 als wissenschaftlicher Assistent in Köln. Heute lehrt und forscht er als Professor für moderne osteuropäische Geschichte an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Das in Berlin von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit dem Bund der Vertriebenen (BdV) geplante »Zentrum gegen Vertreibungen« hat er vehement kritisiert. Eva Hahn forscht seit vielen Jahren über die deutsch-tschechischen Beziehungen. Sie hat wichtige Arbeiten über die deutsche Besatzungsherrschaft in der Tschechoslowakei veröffentlicht, darunter eine akribische Studie über den Massenmord an den tschechoslowakischen Juden. Als Mitarbeiterin des im Sudetendeutschen Haus in München angesiedelten »Collegium Carolinum – Forschungsstelle für die böhmischen Länder« (CC) hat sie 1999 mit einer scharfen Kritik an dieser Institution auf sich aufmerksam gemacht: Diese habe es versäumt, ihre völkische und nazistische Tradition aufzuarbeiten. Ihre öffentlich erhobene Forderung nach einer historischen Aufarbeitung und einer politischen Reform des CC, publiziert im April 1999 unter dem Titel Deutsche Bohemistik – von außen gesehen, führte zu ihrer fristlosen Entlassung. Sie arbeitet seitdem als unabhängige Historikerin und Publizistin.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen der Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus haben sich die beiden Hahns zu radikalen Kritikern des deutschen Nationalismus und damit zu Ausnahmeerscheinungen im öffentlichen wissenschaftlichen Leben der Bundesrepublik entwickelt. Ihre großartige, klar und spannend geschriebene Untersuchung Die Vertreibung im deutschen Erinnern ist das Ergebnis jahrzehntelanger an historischer Aufklärung interessierter Forschung.

Die Studie, gegliedert in vier Abschnitte und acht Exkurse zu ausgewählten politischen und historischen Aspekten, behandelt alle für das Thema bedeutsamen Ereignisse auf dem europäischen Kontinent zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Gegenwart. Von besonderem Interesse sind die Abschnitte über die Konstruktion der »magischen Zahl« von 15 Millionen Vertriebenen. Es handelt sich dabei um statistische Manipulationen, deren Ursprung und Verbreitung in den fünfziger Jahren von den Autoren akribisch rekonstruiert werden.

Alle Bewertungen und Schlußfolgerungen basieren auf umfangreichen Quellenstudien. Der Exkurs über das angeblich von der Roten Armee verübte Massaker im ostpreußischen Nemmersdorf ist beispielhaft für die akribische Arbeitsweise der Autoren. Sie weisen nach, daß die ursprüngliche Darstellung des Geschehens im »Völkischen Beobachter« gemäßigter war als die sich ab 1953 durchsetzende Version der Ereignisse, in der sich die Anzahl der toten deutschen Zivilisten vervielfacht hatte.

Ein zentraler Strang der Untersuchung ist die deutsche Kriegs- und Vernichtungspolitik. Die Autoren lassen keinen Zweifel daran, daß der von den Deutschen entfesselte Krieg, ihre Besatzungs- und Ausrottungpolitik, mitgetragen von der großen Mehrheit der Deutschen, die Ursache der Massenumsiedlungen deutscher Bevölkerungsgruppen am Ende des Krieges gewesen ist. Schon in den Jahren 1939 bis 1944 waren durch das NS-Regime etwa eine Million »Deutschstämmige« aus Südosteuropa, den baltischen Staaten, dem östlichen Polen und der Ukraine umgesiedelt worden. Diese »Volksdeutschen« sollten vor allem im annektierten Westpolen, dem »Warthegau«, ein deutsches Siedlungsbollwerk bilden und die geplante Germanisierung der okkupierten Gebiete vorantreiben. Die Umsiedlung und Vernichtung vor allem der jüdischen und slawischen Bevölkerung Polens sind untrennbar mit dieser »Umvolkung« verbunden.

Mit dem Vormarsch der Roten Armee 1944 beginnt die zweite Phase der Massenevakuierungen der deutschen Bevölkerung. Von ihr waren bis März 1945 nach unterschiedlichen Angaben etwa acht bis zehn Millionen Menschen betroffen. Zunächst wurden Deutsche und ihre Kollaborateure aus den besetzten Gebieten der UdSSR und Südosteuropa evakuiert – ein Vorgang, den »Vertreibung« zu nennen schlicht falsch ist. Rund die Hälfte der später in der BRD als »Vertriebene« bezeichneten Menschen hatte so schon vor Kriegsende ihre Heimat verlassen müssen. Es gibt keine exakten Angaben darüber, wie viele flüchteten oder zwangsevakuiert wurden. Die Autoren rechnen diese Vorgänge richtigerweise zu den Verbrechen des NS-Regimes an der deutschen Zivilbevölkerung.

Allerdings verwischen sie dabei den Zusammenhang zwischen deutscher Volksgemeinschaft, NS-Regime und Vernichtungspolitik. Denn die Entrechtung und Deportation zehntausender jüdischer Bürger etwa aus Breslau und Königsberg, konnte nur unter aktiver Mithilfe und Billigung der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung durchgeführt werden, die zudem von der Ausbeutung einer riesigen Zahl von rechtlosen Zwangsarbeitern und KZ Häftlingen profitierte, die in Hunderten von Konzentrations- und Arbeitslagern eingesperrt wurden. Auch die Behauptung der Autoren, die Wehrmacht sei im Herbst 1944 demoralisiert gewesen, wird durch die militärhistorische Forschung nicht bestätigt. Die deutsche Armee war selbst in den letzten Monaten des Krieges an der Ostfront noch immer ein gefürchtetes und effektives Tötungsinstrument, wie der Militärhistoriker Manfred Zeidler in mehreren Publikationen herausgearbeitet hat. Zeidler zufolge waren im Frühjahr 1945 die Verluste der Roten Armee infolge der effektiven und entschlossenen Kampfführung der Wehrmacht etwa doppelt so hoch wie die der Deutschen.

Bereits wenige Jahre nach Kriegsende begann in der Bundesrepublik die Umdeutung der Kriegsereignisse im Sinne eines heroischen Abwehrkampfs des deutschen Ostheeres gegen den asiatischen Bolschewismus. Die im Inferno der letzten Kriegsmonate getöteten deutschen Zivilisten wurden zu Opfern der Vertreibung erklärt. Diese selbst sei schon länger geplant gewesen und habe mit der deutschen Besatzungspolitik in Polen und der CSR in keinem ursächlichen Zusammenhang gestanden. Die Kernthese, die wesentliche Elemente der NS-Propaganda aufnimmt, lautet: Schuld sind die anderen. Diese Lüge wurde durch unzählige staatlich geförderte Autoren, Organisationen und Publikationen jahrzehntelang verbreitet.

Politisch gesteuert wurde diese Erinnerungspolitik durch die 1949/50 entstandenen Landsmannschaften und Vertriebenenverbände, die sich 1958 zum Bund der Vertriebenen vereinigten. Ihr »Mythos Vertreibung« bildete die ideologische Grundlage des bundesdeutschen Revanchismus gegenüber den osteuropäischen Nachbarn. Es ist eine der großen Leistungen von Hahn und Hahn, diesen Prozeß detailliert nachzuzeichnen und auch keine Angst davor zu haben, die Anerkennung der europäischen Nachkriegsgrenzen durch die DDR im Jahr 1950 positiv zu bewerten. Die Bundesrepublik aber wollte auf den Anspruch einer Rückkehr der »Vertriebenen« nicht verzichten. Ihre diesbezüglichen außenpolitischen Initiativen folgten den Forderungen der meist von ehemaligen Angehörigen der Nazi-Funktions- und Vernichtungseliten gesteuerten Landsmannschaften, zu deren Mitgliedern stets nur ein kleiner Teil der »Vertriebenen« gehörte (1965 knapp ein Prozent). Dennoch sind die Landsmannschaften in der deutschen Öffentlichkeit zu einer staatlich geförderten Institution geworden, die sich mit der Aura eines von den einstigen Kriegsgegnern an der deutschen Nation vermeintlich verübten Unrechts umgibt. »Die Vertriebenenorganisationen«, so das Fazit der Autoren, »sind zu einer wichtigen Drehscheibe von vielerlei Gruppierungen am rechten Rand der deutschen politischen Landschaft geworden. Die gängigen Anklagen der einstigen Kriegsgegner verleihen dem deutschen rechtsextremen Milieu einen spezifischen Zug. Es erlaubt ihnen, hemmungslos antislawische ebenso wie antiwestliche Aggressionen zu artikulieren, während sich die Autoren entsprechender Texte im Einklang mit der deutschen Gesellschaft fühlen und auf staatlich sanktionierte Beweisführung berufen können. Das Erinnern an die Vertreibung wirkt wie ein Kitt zwischen der deutschen Vergangenheit und Gegenwart, und den Vertriebenenorganisationen kommt dabei die Schlüsselrolle zu.«

Die Vertreibung im deutschen Erinnern ist ein Meisterwerk kritischer Geschichtsschreibung und verdient eine große Leserschaft. 88 Euro für das Buch sind allerdings ein stattlicher Preis. Der Verlag sollte möglichst bald eine günstige Studienausgabe herausbringen.