Werner Röhr: Ein doppeltes Erkenntnisziel. Die bundesdeutsche Geschichte des Erinnerns an die Vertreibung gekontert mit der realen Geschichte der Vertriebenen,
in: Deutsch-Tschechische Nachrichten, Dossier 14, Juni 2011, s. 24-42

Das Erkenntnisziel ihrer Forschungen und ihres Buches sei ein doppeltes, schreiben die beiden in Oldenburg lebenden und forschenden Osteuropahistoriker Eva Hahn und Hans Henning Hahn. „Erstens betrifft es die Geschichte des Erinnerns an die Vertreibung und zweitens die Geschichte der Vertriebenen.“ Diese Doppelgleisigkeit ihrer Erkenntnisebenen habe sich aus der im Verlaufe ihrer Untersuchungen immer deutlicher werdenden „Diskrepanz zwischen den im öffentlichen Erinnern der Bundesrepublik tradierten Bildern der Vertreibung einerseits und den Aussagen individueller Erfahrungsberichte sowie der historisch-politischen Quellen andererseits“ ergeben. (S. 10)
Wie folgenreich sind Fehlinformationen, wenn sie politisch gewollt werden? Wie repräsentativ sind Erinnerungen und wofür? Die Autoren entschieden sich, authentische Quellen sehr ausführlich über viele Seiten hinweg zu zitieren und in anschließenden, nicht weniger ausführlichen Exkursen die für das Thema relevanten Erkenntnisse problemorientiert und analytisch aufzubereiten. Dieser Aufbau ermögliche parallel entwickelte „Einblicke sowohl in die Geschichte des Erinnerns an die Vertreibung als auch in die Geschichte der betroffenen Menschen“. Zugleich gestatte er dem Leser, „einzelnen Aspekten des Erinnerns und der darin reflektierten sowie verdrängten Geschichte je nach besonderen individuellen Interessen in weitgehend autonomen Schritten ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken“. (S. 12) Dies geschieht wesentlich in vier Teilen des Buches.

Im ersten Teil werden die im gegenwärtigen bundesdeutschen Erinnern dominierenden Bilder der Vertreibung und ihre „gängigen historischen Erklärungen“ vorgestellt. Die Autoren arbeiten strukturelle Ähnlichkeiten einzelner Vertreibungsbilder heraus und analysieren einzelne Darstellungen en detail. Sie diskutieren den historischen Aussagegehalt einzelner Bilder und benennen deren Erinnerungsgeschichte. Dabei geht es um problemorientierte Einblicke, nicht um ein chronologisch aufgebautes Narrativ.

Im zweiten Teil werden Erinnerungen herangezogen, die aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend verdrängt wurden: „Die Analyse zeitgenössischer Textquellen, Zeitzeugenberichte sowie weiterer Quellen diplomatisch-politischer Provenienz liefert bisher oftmals missachtete Hinweise auf die Geschichte der Umsiedlungen und Evakuierungen der deutschen Bevölkerung im östlichen Europa während des Zweiten Weltkriegs.“ (S. 12/13) Dazu gehören auch Erinnerungen von Politikern, Diplomaten und der Öffentlichkeit der alliierten Länder.

Der dritte Teil behandelt die Frühgeschichte des Erinnerns, in der sowohl die heute gängigen Bilder als auch jene geprägt wurden, die später verdrängt worden sind. Hier demonstrieren die Autoren, wie z. B. ein Bild oder selbst ein Gerücht populär werden konnte, noch bevor überhaupt die betroffenen Menschen im Bundesgebiet eingetroffen waren.

Im vierten Teil stellen die Autoren die diskutierten Erinnerungsbilder in den Diskurs der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Hier konfrontieren sie die öffentliche Erinnerung in Gestalt des Geschichtsbildes des Bundes der Vertriebenen mit der Vielfalt individueller Erfahrungen von Betroffenen, u. a. in Gestalt eines seiner prominentesten Kritiker, des Bremer Rundfunkjournalisten Kurt Nelhiebel.

Der Anhang enthält eine darstellende Statistik ohne erinnerungsgeschichtliche Brechung. Hier bringen die Autoren etwas Licht in das von Vertriebenenpolitikern in der Öffentlichkeit verbreitete Zahlenlabyrinth, um die historisch-statistische Dimension jener Ereignisse, die unter der Metapher „Vertreibung“ subsumiert werden, insoweit zu veranschaulichen, wie die zur Verfügung stehenden Quellen Schätzungen gestatten. „Hier ist zu erfahren, was heute über die Wege der zwischen 1939 und 1949 heimatlos gewordenen Deutschen statistisch bekannt ist und welche Wissenslücken durch weitere Forschungen ausgefüllt werden müssen.“ (S. 13)

Mit ihrer De- und Re-Konstruktion der Zahlenangaben machen die Verfasser noch einmal deutlich, „warum die Informationen im Erinnern an die Vertreibung so widersprüchlich sind und die Zahlenangaben so stark voneinander abweichen“. (S. 13) Im Unterschied zur Rekonstruktion der für wahrscheinlich zu haltenden Zahlen verzichten sie aber „auf eine linear konzipierte, chronologisch und geographisch strukturierte“ Erzählung des Geschehens, „nicht zuletzt um das Geflecht unterschiedlicher Perspektiven“ herauszuarbeiten. Sie halten es für ausreichend, durch Zitatencollagen die zeitlichen und hinsichtlich der Erinnerungen auch die rhetorischen Zusammenhänge deutlich zu machen. Derartige Collagen böten dem Leser den Vorteil, „unmittelbare Erfahrungen durch eine möglichst breite, eigenständige Begegnung mit den Quellentexten zu machen“, anstatt nur die Deutung der Autoren kennenzulernen. (S. 14)

Phasen der Massenumsiedlungen von Deutschen
Die in der Bundesrepublik summarisch als „Vertreibung“ bezeichneten Massenumsiedlungen umfassten sehr verschiedene Prozesse. Sie müssen und können entsprechend ihrer Besonderheiten und der konkreten historischen Umstände begrifflich exakter gefasst werden. Eine Verwendung des Begriffs „Vertreibung“ halten die Verfasser nur dann für angemessen, wenn es sich um gewaltsame, ohne staatliche Kontrolle durchgeführte Ausweisungen handelt. Von den konkreten Umständen hängen auch die entsprechenden Lebenserfahrungen der betroffenen Menschen ab, eine Unterordnung unter die Stereotype des Vertreibungsmythos selektiert diese Erfahrungen, ordnet sie in normative Erfahrungsmuster ein und amputiert bzw. ignoriert bzw. verdrängt alle Erfahrungen, die da nicht hineinpassen.

So beginnt die Geschichte der später als Vertriebene bezeichneten Menschen nicht erst am 8. Mai 1945, sondern 1938 mit dem Diktat von München. Das „Argument“, die deutsche Minderheit schützen zu müssen, war vorgeschoben. Die Annexion tschechoslowakischer Gebiete erfolgte nicht nach der nationalen Zusammensetzung ihrer Bevölkerung, sondern nach militärstrategischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Auch Grenzkreise mit vollständig bzw. überwiegend tschechischer Bevölkerung wurden einverleibt. Nach dem 15. März 1939 wurde dieses „Argument“ von Hitlers Münchener Partnern nicht mehr goutiert.

Zum Schlüsseldatum der Vertreibungsgeschichte wurde der 6. Oktober 1939. An diesem Tage kündigte Hitler an, die Deutschen ostwärts der Grenze des annektierten Polen „heim ins Reich“ zu holen. Faktisch erteilte er dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler, die Vollmacht, die demographische Landkarte Europas neu zu zeichnen. Umsiedlung, „Umvolkung“ und Vernichtung ganzer Völker Europas erschienen den Nazis als die billigsten, schnellsten und praktikabelsten Methoden zur „Neuordnung Europas“ unter Vorherrschaft des deutschen Großkapitals. Die Massenvertreibungen 1939–1949 betrafen also nicht zuerst und nicht allein die Deutschen im eroberten, besetzten, ausgebeuteten und „neugeordneten“ Europa. „Da die bisher gängige Vertreibungsrhetorik und die ihr zugrunde liegenden Darstellungen eng mit den völkischen und nationalsozialistischen Traditionen verbunden sind, gehört auch die Art und Weise, wie über die Vertreibung in der deutschen Öffentlichkeit von Anfang an geredet und geschrieben wurde, zum historischen Kontext des (...) behandelten Geschehens“. (S. 671)
Hinsichtlich der Massenumsiedlungen deutscher Bevölkerung im östlichen Europa 1939–1949 unterscheiden die Autoren vier Phasen: Die erste Phase umfasst den Zeitraum der von Hitlerdeutschland organisierten Umsiedlungen deutscher Minderheiten zur Ansiedlung im okkupierten bzw. annektierten Polen. In dieser Phase wurden Hunderttausende Deutsche neben über einer Million Polen vertrieben und heimatlos gemacht.

Diese „Umsiedlungen des Führers“ gingen 1943/44 nahtlos in die zweite Phase der staatlich organisierten Evakuierungen über, die den erzwungenen Rückzug der Wehrmacht begleiteten. Davon waren bis März 1945 etwa zehn Millionen Deutsche betroffen. Rund die Hälfte der später in der BRD als Vertriebene bezeichneten Menschen hatten so schon vor dem Kriegsende ihre Heimat verlassen müssen. Es gibt keine exakten Angaben darüber, wie viele von ihnen freiwillig geflüchtet sind, wie viele zwangsevakuiert wurden und wie viele im Zuge der Räumungspolitik ihr Leben verloren. Die Hahns dokumentieren, dass diese Menschen auf den Prioritätslisten der Nazibehörden für „Räumungsgüter“ rangierten – an dritter oder vierter Stelle. „Nach bundesdeutschen Ermittlungen zur Klärung des ‚Schicksals der deutschen Bevölkerung in den Vertreibungsgebieten’ sollen 473.013 Personen bei und in Folge der Vertreibung ihr Leben verloren haben, und entsprechend diesen Informationen muß der größte Teil von ihnen während der als ‚Flucht’ oder ‚Rückführung’ bezeichneten Evakuierungen ums Leben gekommen sein.“ (S. 673) Zutreffend bezeichnen die beiden Autoren diese Evakuierungen als letztes Massenverbrechen der Hitlerregierung am deutschen Volk.

Die Evakuierungspraxis der Nazibehörden führte die betroffene deutsche Zivilbevölkerung aus dem östlichen Europa nicht nur nach Deutschland und Österreich, sondern auch in die Tschechoslowakei und nach Dänemark. Allein in der Tschechoslowakei befanden sich zum Zeitpunkt der Befreiung rund 1,6 Millionen Schlesier. Die Evakuierungspolitik und der Zusammenbruch der Verwaltung in den östlichen Gebieten des Deutschen Reiches hatten eine humanitäre Katastrophe erzeugt. Hinzu kam, dass die Einrichtung einer funktions- und durchsetzungsfähigen öffentlichen Gewalt in Polen und in der Tschechoslowakei Zeit brauchte und nur schrittweise vor sich ging. In diese dritte Phase zwischen dem Ende der Kampfhandlungen und dem Beginn der offiziellen Aussiedlungen nach dem Potsdamer Abkommen setzten sich die individuellen Fluchten von Deutschen aus beiden Staaten fort, gleichzeitig gab es eine Gegenbewegung, den Versuch einer Rückkehr in die verlassenen Gebiete. Zum anderen kam es in beiden Ländern zu willkürlichen Vertreibungen deutscher Einwohner durch die örtliche Bevölkerung oder örtliche Behörden. Die Autoren geben Schätzungen wieder, nach denen aus der Tschechoslowakei unmittelbar vor und nach Kriegsende rund 300.000 Deutsche und aus Polen rund eine Million Deutsche, darunter 650.000 einheimische Bewohner der ehemals deutschen Gebiete und 350.000 dort während des Krieges angesiedelte oder bei den Evakuierungen dorthin umgesiedelte Deutsche, geflüchtet sind oder vertrieben wurden.

Die vierte Phase betrifft die nach dem Potsdamer Abkommen unter Kontrolle der alliierten Regierungen aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich nach Deutschland zwangsumgesiedelten Deutschen, davon 4,1 Millionen im Jahre 1946 und 700.000 in den Jahren 1947 bis 1949.

Der größere Teil der heimatlos gewordenen Deutschen traf zwischen 1944 und 1946 in Deutschland aus Gebieten ein, die bis 1945 zum „Großdeutschen Reich“ gehörten, also einschließlich der annektierten Gebiete. Die Ursache ihres Heimatverlustes war, gleichgültig, ob und wie die Betroffenen diese Ursache wahrgenommen haben, die Kriegspolitik Hitlerdeutschlands.

Genauso wie unter „Vertreibung“ heterogene Prozesse pauschalisiert erfasst werden, gilt auch für die als „Vertriebene“ bezeichneten Menschen, dass sie ihre Heimat in unterschiedlicher Weise verlassen haben. Die Autoren unterscheiden als Hauptgruppen:
1. die von den Nazibehörden umgesiedelten Angehörigen deutscher Minderheiten;
2. die von diesen Behörden ins heutige Deutschland, ins besetzte Polen, nach Österreich, ins heutige Tschechien oder nach Dänemark evakuierten und die dorthin geflüchteten Personen;
3. die Nachkriegsflüchtlinge bzw. Vertriebenen der ersten Nachkriegsmonate bzw. mit Gewalt Ausgewiesenen;
4. die entsprechend dem Potsdamer Abkommen umgesiedelten Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn sowie
5. entlassene Kriegsgefangene und andere Angehörige der von den Umsiedlungen betroffenen Personen.

Quellenkritik: Die Schieder-Dokumentation
Die zweifellos wichtigste Materialgrundlage für die Legenden des Vertriebenendiskurses war die vom Bundesvertriebenenministerium herausgegebene „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ (fünf Bände in acht Büchern sowie drei Beihefte), die zwischen 1954 und 1961 erschien. Sie wird daher von den Autoren systematisch herangezogen und kurz als Schiedersche Dokumentation bezeichnet. Die Autoren analysieren ausführlich Entstehungsgeschichte, Ziele und Charakter dieser Dokumentation. Konkret wenden sie dagegen ein:
1. Die Herausgeber selektieren die Berichte nach ihrer Repräsentativität für alle Landschaften, Bevölkerungsgruppen, Vorgänge und Schicksale, doch was warum repräsentativ sei, bleibt ungesagt. Nach welchen Kriterien tatsächlich bereits gesammelt und dann ausgewählt wurde, wird verschwiegen. Hahn/Hahn schlussfolgern: Als repräsentativ wurde ausgewählt, was den zuvor von der Bundsregierung propagierten Vertreibungsbildern entsprach.
2. Nur 8,13 Prozent des gesamten Umfangs der Bände befassen sich mit den Umsiedlungserfahrungen derjenigen Deutschen, die von den alliierten Regierungen aus Polen nach Deutschland gebracht wurden. Das waren immerhin 1946 zwei Millionen und 1947–1949 weitere 650.000 Menschen. Viel mehr Platz nehmen in den drei relevanten Bänden die Erfahrungen der während des Krieges geflüchteten oder zwangsevakuierten Menschen ein.
3. Die Aussage des Gesamttitels („Vertreibung aus Ost-Mitteleuropa“) wird durch das Werk selbst widerlegt, drei Bände behandeln das „Schicksal in“ Südosteuropa. Polen kommt in keinem Bandtitel vor, dafür die „Gebiete östlich der Oder/Neiße-Linie“.
4. Die Herausgeber erklären zwar, jede Behandlung der Austreibung der Deutschen habe von den Bevölkerungsbewegungen während des Krieges auszugehen, doch diese Kriegsjahre werden weitgehend ausgeblendet.

Das Fazit der Autoren lautet: Das Projekt wurde als Dokumentation einer im Sinne der Beweisführung einer schon apriori vorliegenden Interpretation konzipiert. Als wissenschaftliches Werk ist der Torso der Schieder-Dokumentation misslungen. Aber auch die vom Vertriebenenministerium der Bundesregierung gestellte Aufgabe, eine wissenschaftlich unanfechtbare und außenpolitisch brauchbare Begründung für die Forderung dieser Regierung zu liefern, die im Potsdamer Abkommen völkerrechtlich verankerten Entscheidungen zu revidieren, hat sie nicht erfüllt.

Anti-Potsdam-Revisionismus
Bekanntlich verstand und versteht sich die Bundesrepublik Deutschland seit ihrer Gründung 1949 als uneingeschränkte und vollgültige Rechtsnachfolgerin des faschistischen Deutschen Reiches. Weder ihre Regierungen noch ihre höchsten Gerichte haben die Prinzipien und die Urteile des Nürnberger Tribunals je anerkannt, und schon gar nicht, wie die DDR, zum innerstaatlichen Recht gemacht. Dasselbe gilt für das Potsdamer Abkommen. Bundeskanzler Helmut Kohl hat sich sogar noch 1990 gesträubt, die Oder-Neiße-Grenze mit Polen als völkerrechtlich verbindlich zu akzeptieren. Westdeutsche Juristen erfanden Argumente, warum die Potsdamer Vereinbarungen für die Bundesrepublik nicht rechtsgültig sein dürften, einmal im Hinblick auf die Ostgrenzen, zum anderen im Hinblick auf die Entschädigungsforderungen der Vertriebenen und schließlich im Hinblick auf deren Rückkehrrecht. Auch die Forderung nach einem Junktim zwischen der Aufnahme der Tschechischen Republik in die EU und der Forderung nach Aufhebung der Präsidentendekrete von 1945 über Maßnahmen gegenüber der deutschen Bevölkerung basierte auf der Nichtanerkennung der Potsdamer Beschlüsse. Statt dessen konzentrierten sich Regierung und Juristen der BRD jahrzehntelang darauf, das Potsdamer Abkommen zum „Unrecht“ zu erklären, um die „deutschen Ansprüche“ auf die „geraubten“ Ostgebiete zu untermauern.

Nach dem Anschluss der DDR, die schließlich die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz als gültiges Völkerrecht anerkannt und in ihre Rechtsordnung integriert hatte, wurde es für die Bundesregierung schwieriger, weiterhin die völkerrechtliche Gültigkeit zu leugnen, zumal sie 1990 vor dem 2+4-Vertrag die Oder-Neiße-Grenze hatte anerkennen müssen. Dennoch behielt sie diesen Standpunkt gegenüber den Potsdamer Beschlüssen unbeirrt bei. Diese Nicht-Anerkennung hat natürlich weder an der Gültigkeit der Beschlüsse noch an deren Rechtswirksamkeit etwas geändert, weshalb im Februar 1996 die Regierungen der USA, Großbritanniens und Russlands in gleichlautenden Noten an die Prager Regierung die völkerrechtliche Gültigkeit ihrer Entscheidungen von Potsdam bekräftigten.

Die Beschlüsse von Potsdam völkerrechtlich und praktisch zu revidieren, war von ihrer Gründung 1949 an ein außenpolitisches Ziel der Bundesregierung. Diesem Ziel diente nicht nur ihre Außenpolitik, sondern im Besonderen ihre Vertriebenenpolitik und auch solche Großprojekte wie die genannte Schieder-Dokumentation: Mit ihrer Hilfe sollte die Verantwortung Nazideutschlands für den zweiten Weltkrieg und die Verbrechen an den Völkern Europas relativiert werden. Hahn/Hahn weisen in ihrem Buch nach, dass und wie der Anti-Potsdam-Revisionismus geradezu konstitutiv für den öffentlichen und offiziellen Diskurs über Vertreibungen wurde. Die Bundesregierungen betrieben ein doppelzüngiges Spiel mit den Vertriebenenverbänden, die sie als Sprachrohr für die Forderung nach Grenzrevisionen benutzten und denen sie vorgaukelten, ihre Aussiedlungen seien nicht unwiderruflich.

Inszeniertes Erinnern statt Klarheit durch Erkenntnis
Öffentliches Erinnern an die Vertreibung basiert weitgehend auf literarischen und anderen niedergeschriebenen Erinnerungsberichten. Die darin verwandten Grundbegriffe aber ermangeln der semantischen Bestimmung, und ihre Aussagen fußen nicht auf einer sicheren Forschungsgrundlage. Das beginnt bei der Bestimmung, was Vertreibungen waren und was nicht, reicht über die daraus abgeleitete Bestimmung, wer von denjenigen Personen, die beanspruchen, Vertriebene zu sein, es wirklich war, bis hin zu unbekümmerten, inflationären Zahlenangaben über die aus Ostmitteleuropa vertriebenen Deutschen und deren Tote. Zwischen dem Gehalt an gesicherten Erkenntnissen und dem Anspruch auf unbedingte Geltung der Grundaussagen der Vertriebenenlegende, seien sie regierungsoffiziell oder vom Bund der Vertriebenen, scheint eine umgekehrte Reziprozität wirksam zu sein. Auch hat die Forschung sich mit den realgeschichtlichen Tatsachen völlig unzureichend beschäftigt, so dass deren Ergebnisse große Lücken aufweisen und recht unzuverlässig sind. Das gilt auch für „wissenschaftliche“ Arbeiten wie die genannte „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen“.

Wenn daher der Münchener Politologe Hans Maier 2005 erklärte, es gehe im Streit um die Erinnerung an die Vertreibung nicht um Sachfragen, denn die historischen Ereignisse seien gut bekannt, so ist dies falsch. Es sei, so Hahn und Hahn, geradezu umgekehrt: Je weniger die Fakten ausreichend erforscht sind, desto erbitterter werden die Glaubensdogmen der Vertriebenenpolitiker verteidigt und Kritiker verfemt oder mundtot gemacht. Die Autoren werfen daher insbesondere zwei Gruppen vor, sich nicht oder nicht ausreichend um die Aufklärung bemüht zu haben, erstens den Vertriebenenorganisationen und zweitens den deutschen Historikern. Obwohl ihnen die Forschungsdefizite bekannt waren und auch öffentlich eingeräumt wurden, haben die deutschen „Historiker zur Erforschung der Vertreibungsgeschichte wenig beigetragen“. (S. 47)

Erinnerungen von Augen- und Zeitzeugen können dem Leser deren subjektive Erlebniswelt vermitteln, doch zu einer Kenntnis der historisch-politischen Zusammenhänge vermögen sie nur dann beizutragen, wenn sich die Zeugen über den eigenen, nicht hinterfragten Erlebnishorizont erheben. Daher stellen Hahn/Hahn zu Recht fest: „Insgesamt haben die Zeitzeugenberichte häufig mehr zur Verwirrung als zur Klärung unserer Informationen über das damalige historische Geschehen beigetragen.“ Je dürftiger die Forschungslage, desto mehr schwelgen heute die Vordenker eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ in universalgeschichtlichen Verortungen und Bewertungen über ein „Jahrhundert der Vertreibungen“ etc. „Der Begriff ‚Vertreibung’ repräsentiert im deutschen Erinnern nicht nur unterschiedliche historische Ereignisse aus den Jahren 1939–1949, sondern auch eine Neigung zum Pathos des Urteils und zur Négligence im Umgang mit Tatsachen.“ (S. 27)

Notwendig seien zunächst ganz elementare Abgrenzungen. Ob Regierungserklärung oder Schulbuch, ob Brockhaus oder Schieder-Dokumentation: Es wird nicht klar unterschieden zwischen Flucht und Vertreibung, nicht zwischen Evakuierung durch Nazibehörden vor Kriegsende und der Aussiedlung durch ausländische Regierungen nach Kriegsende, nicht zwischen Todesopfern aufgrund der Evakuierung und Todesopfern aufgrund von Aussiedlung. Es ist sehr verdienstvoll, dass die Verfasser mit dem notwendigen Nachdruck darauf insistieren, dass von jenen Deutschen in Ost- und Ostmitteleuropa, die seit Beginn des Krieges ihre Heimat verlassen mussten, dies rund die Hälfte vor Kriegsende tat.

Es handelt sich um zwei gegenläufige Ströme von Bevölkerungsbewegungen, einmal um die seit dem Oktober 1939 „heim ins Reich“ geholten deutschen Minderheiten aus Osteuropa, die dabei ihre Heimat verloren. Ob mehr freiwillig oder mehr gezwungen, sie ließen sich bei ihrer Ansiedlung in den seit 1939 eroberten polnischen Gebieten als Speerspitze der faschistischen Volkstumspolitik bei der völkischen „Neuordnung Europas“ missbrauchen. Zum anderen geht es um die Zwangsevakuierung der deutschen Bevölkerung 1944/45 aus deutschen Gebieten wie Ostpreußen und aus ab 1938 okkupierten Gebieten wie dem Wartheland. Diese Evakuierung betraf Millionen Menschen. Sie lässt sich nicht unter Flucht – auch nicht unter staatlich organisierter Flucht – zureichend erfassen, denn individuelle Fluchten gab es außerdem, obwohl die lokalen Nazibehörden sie verboten hatten. Auf jeden Fall wurden diese Millionen Deutschen nicht von den Regierungen ehemals besetzter Länder „vertrieben“, sondern von der deutschen.

Als Vertreibung im buchstäblichen Sinne haben jene Deportationen Deutscher zu gelten, die vor der Potsdamer Konferenz von örtlichen Behörden, örtlichen Funktionären oder Bevölkerungsteilen erzwungen wurden, vor dem Beginn der offiziellen Aussiedlungen.
Eine nächste elementare Differenzierung betrifft die Zahlenangaben. „Zahlen werden gemacht“, schreiben die Verfasser und präsentieren eine quellenbelegte Auswahl unterschiedlicher Angaben zur Zahl der vertriebenen Deutschen, beginnend mit fast drei Millionen und endend mit 20 Millionen. Woher diese Millionen vertrieben sein sollen, bleibt ebenso unklar wie die zeitliche Zuordnung: „Dass etwa die Hälfte aller als Vertriebene bezeichneten Menschen keinem Rotarmisten, polnischen Milizionär oder tschechischen Revolutionsgardisten in ihrer Heimat begegnen konnte, weil sie sich dort am Kriegsende nicht mehr aufhielten, wissen heute nur die wenigsten Deutschen. Aufgrund dieser mangelhaften Kenntnisse und schieren Unwissens herrscht Unklarheit in einer Reihe von Fragen: Wie viele Deutsche sind aus eigenem Willen geflüchtet? Wie viele Deutsche wurden nach Kriegsende vertrieben, und wie viele wurden von den alliierten Regierungen zwangsumgesiedelt?“ (S. 41) Wenn von den auf elf Millionen bezifferten Vertriebenen rund fünf Millionen vor Kriegsende von den Nazibehörden evakuiert worden sind, in welchem Sinne sind sie dann als Vertriebene zu bezeichnen? Die Autoren beschreiben, wie großzügig der Status des „Vertriebenen“ Personen und ganzen Personengruppen zuerkannt wird, die niemals vertrieben worden sind.

Die nächste notwendige Differenzierung betrifft die sog. Vertreibungsverluste. Hier sind die Zahlenspiele kaum weniger abenteuerlich als hinsichtlich der Gesamtzahl der Vertriebenen. Die Autoren präsentieren auch hier belegte Zitate in aufsteigender Linie von „einigen hunderttausend Toten“ bis zu „sechs bis zehn Millionen unschuldiger Menschen“, „die 1945 und später (...) sterben mußten“. (S. 43) Dabei wird nicht unterschieden, wie viele der als Vertriebene bezeichneten Menschen während des Krieges und wie viele nach dem Krieg ihr Leben verloren haben. Für alle in der BRD veröffentlichten Zahlen aber wurde jeweils beansprucht, sie seien wissenschaftlich legitim.

Die Ursachen für das deutsche Zahlenlabyrinth über Vertreibungen und Vertreibungsopfer liegen jedoch nicht in den zweifellos schwierigen Berechnungsgrundlagen, sondern darin, dass das öffentliche Erinnern nicht der historischen Erkenntnis, sondern politischen Interessen dient. „Wenn ein kollektives Gedächtnis auf politisch zielorientiert konstruierten Erinnerungsbildern beruht und dies unter Vernachlässigung oder Hintansetzung präziser konkreter Informationen geschieht, wenn infolgedessen Symbole mit Aussagen über historische Ereignisse verwechselt werden, dann bleiben rational begründete kommunikative Praktiken auf der Strecke.“ (S. 77) Die Folgen sind offensichtlich: Diese Art der Erinnerungsproduktion blockiert jeden Dialog, und sie amputiert die reale Vielfalt des Erinnerns. Doch die Autoren verfahren sanft und kommentieren das verantwortungslose Jonglieren vieler Autoren mit willkürlich bestimmten Zahlen mit dem Hinweis, dass diese Zahlen „mehr über die mentale Verfassung derjenigen aussagen, die sie aussprechen, als über die Wirklichkeit selbst“. (S. 42)

Führenden bundesdeutschen Politikern war schnell klar, dass die 1958 vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen, nach denen 2.225.000 Deutsche bei der Vertreibung umgekommen seien, absolut nicht haltbar waren. (Die deutschen Vertreibungsverluste. Bevölkerungsbilanzen für die deutschen Vertreibungsgebiete 1939/50, hg. vom Statistischen Bundesamt Wiesbaden, Stuttgart 1958. Vgl. zur Kritik: Stanisław Schimitzek: „Vertreibungsverluste“? Westdeutsche Zahlenspiele, Warszawa 1966) Schon der Ploetz von 1968 bezifferte die Gesamtopferzahl auf sechshunderttausend von rund zehn Millionen Menschen. Die Bundesregierung beauftragte daher 1969 das Bundesarchiv, wiederum für außenpolitische Zwecke, einen Bericht zu erstellen über „Verbrechen und Unmenschlichkeiten, die an Deutschen im Zuge der Vertreibung begangen worden sind“. Dieser Bericht lag 1974 vor und wurde 1975 in einer nichtautorisierten Fassung veröffentlicht, die nun ebenfalls von 600.000 Todesopfern ausgeht. (Vertreibung und Vertreibungsverbrechen 1945-1948. Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974. Archivalien und ausgewählte Erlebnisberichte, hg. von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn 1989) Aus welchen politischen Gründen aber die geradezu magische Zahl von angeblich über zwei Millionen Vertreibungsopfern „errechnet“ und trotz ihrer Widerlegung als politische Norm aufrechterhalten wurde, das erläutern die Autoren in einer bisher in der deutschen historischen Literatur einmaligen Weise.

Wessen Erinnerungen sind repräsentativ und wofür?
Bevor Probleme des Zustandekommens, der Selektion und der Bewahrung von Erinnerungen überhaupt ins Spiel kommen, ist rein soziologisch zu prüfen, wessen Erinnerungen gesammelt und verallgemeinert und wessen Erinnerungen verdrängt wurden, welche Menschengruppen überhaupt nicht vorkommen. „Im Mittelpunkt des Erinnerns an die Vertreibung stehen Bilder unschuldiger Menschen als Opfer ihrer einstigen Kriegsgegner. Um die Unschuld der Vertriebenen zu veranschaulichen, wird häufiger an Frauen, Kinder und alte Menschen als Opfer der Vertreibung erinnert als an die Ehemänner, Väter und Söhne, die bis zum 8. Mai 1945 in den Uniformen der deutschen Wehrmacht, der SS oder sonstiger NS-Formationen Krieg führten und nicht weniger ihre Heimat verloren.“ (S. 78) Dies gilt für die in der Schieder-Dokumentation präsentierten Erinnerungen ebenso wie für ihre Vorgänger und Nachfolger.

Warum die Männer in den Berichten so wenig vorkommen, thematisieren die Dokumentationen nicht. Das aber liegt auf der Hand, sobald man auch nur einige Tatsachen erinnert: Im annektierten Polen traten 100.000 „volksdeutsche“ Männer in die von SS-Führern kommandierten Gruppen des „Selbstschutzes“ ein und verübten bestialische Verbrechen vorwiegend an der polnischen Intelligenz. (Christian Jansen, Arno Weckbecker: Der „Volksdeutsche Selbstschutz“ in Polen 1939/40, München 1992) Aus den von Deutschland besetzten Ländern Ostmittel- und Südosteuropas dienten 760.000 „volksdeutsche“ Männer in der Wehrmacht und über 300.000 in verschiedenen Einheiten der Waffen-SS: Die Konzentration auf Frauen, Kinder und Alte als Opfer korrespondiert mit einer Bilderwelt der Passionswege, Stürme, Katastrophen oder Schicksalsschläge. Für die Erinnerungen an die Vertreibung werden Bilder einer religiös anmutenden Leidensgeschichte bevorzugt. Voraussetzung und Pendant der Erinnerungsbilder der Deutschen als unschuldige und wehrlose Opfer ist die Kennzeichnung ihres Erlebnisses als schlagartige Gewalteruption. „Hier wütete wirklich die spontane Volkswut“, schrieb Peter Glotz 2003. Als ob die Furcht vor den Reaktionen der Völker auf die faschistische Okkupationsherrschaft und ihre Massenverbrechen nicht von der Nazipropaganda systematisch geschürt worden wäre und diese geschürten Ängste nicht auch auf der, wenn auch meist verdrängten, Kenntnis der Naziverbrechen beruht hätten.

Wo die Vertreibung in dramatischen Szenerien erinnert wird, steht meist ein konkretes Geschehen im Vordergrund; Fragen nach Ursachen, historischen Zusammenhängen oder klarer begrifflicher Bestimmung erscheinen bei solcher Vorliebe für apokalyptische Bilder als kleinlich oder überflüssig. Kritische Nachfragen nach den Quellen oder rationale Analyse der Widersprüche, ja Widersinnigkeiten, scheinen sich zu verbieten und noch mehr der Vergleich mit anderen Berichten zu demselben Ereignis. Der offenkundige Zusammenhang zwischen zweitem Weltkrieg und anschließender Vertreibung wird zwar meistens verbal nicht mehr geleugnet, aber er wird immer noch nicht als ursächliche Beziehung verstanden.

Zwei politische Gruppen fehlen in den gepflegten Erinnerungsbildern: Auf Antifaschisten, auf Verfolgte des Naziregimes sind die Rechercheure für das Erinnerungsprojekt der Bundesregierung anscheinend nicht gestoßen und ebensowenig auf deutsche Faschisten, die Funktionäre des Naziregimes gewesen sind.

Systematisch ausgespart werden in diesen Erinnerungsberichten alle Erfahrungen „Vertriebener“ mit ihrer Rückführung „heim ins Reich“ 1939–1943 und dem Projekt ihrer Ansiedlung als Vorposten des „Deutschtums“ im eroberten Osten, von der deutschen Politik gegenüber den Auslandsdeutschen nach dem ersten Weltkrieg gar nicht zu reden. Alle völkischen Aktivisten des „Grenz- und Auslandsdeutschtums“, deren Vertreibungserfahrungen aufgenommen wurden, schwiegen sich über ihre vorherige Tätigkeit bei der faschistischen Formierung deutscher Volksgruppen für den Krieg aus. Verdrängt werden in den Erinnerungen auch jene an die „Rückführung“ der Menschen als nachgeordnetes „Räumungsgut“ beim Rückzug der Wehrmacht. Auch die Erfahrungen der 4,8 Millionen Menschen, die im Zuge der staatlich kontrollierten Massenumsiedlungen nach dem Potsdamer Abkommen aus Polen und der Tschechoslowakei ausgesiedelt wurden, tauchen kaum auf. „Obwohl die von den alliierten Regierungen zwangsumgesiedelten Deutschen nahezu ausnahmslos per Eisenbahn angekommen sind, [verkörpert nicht der Zug,] sondern der ‚Treck’ … bis heute im kollektiven Bildgedächtnis die Vertreibung.“ Die Trecks aber waren „kennzeichnend für die von den Nazibehörden zwischen 1939 und 1949 durchgeführten Umsiedlungen und Evakuierungen“. (S. 691)
Gesammelt wurden außer Erinnerungsberichten an Fluchten und Evakuierungen jene an sog. wilde Aussiedlungen. Auch für sie wurden jene vorhandenen Augenzeugenberichte nicht aufgenommen oder „vergessen“, die differenzierter als die politisch erwünschten Stereotype über das Geschehen berichteten. Ungeprüft übernommen wurden sensationell präsentierte Gewalttaten an verjagten Deutschen, selbst wenn ihnen andere krass widersprechen oder sie offenkundig widersinnig sind, z. B. über die Elbebrücke in Aussig oder über den sog. Brünner Todesmarsch. Selbst erfundene und erlogene „Erlebnisberichte“ wie die von Almar Reitzner, die leicht nachprüfbar gewesen wären, fanden Aufnahme in Dokumentationen. (Almar Reitzner: Ich flog nach Prag. En Tatsachenbericht über die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Tschechoslowakei, München 1948)

Ein Verdienst der Autoren liegt darin, nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Quellen den Widersprüchen und Absurditäten solcher Berichte nachzuspüren, sie zu prüfen und im Falle offenkundig erfundener wie verlogener Behauptungen diese nachzuweisen. Und sie präsentieren „vergessene“, sprich unterschlagene Augenzeugen und Kritiker des Vertriebenenmythos aus den Reihen der Umgesiedelten selbst.

Unter der Vielfalt der herangezogenen Erinnerungen und des Umgangs mit den Umgesiedelten reihen die Autoren auch die Erfahrungen von Umsiedlern in der DDR ein. Ungeachtet eines scheinbar obligaten Anti-DDR-Schlenkers beurteilen sie den Umgang der DDR mit diesem Personenkreis nüchtern und den Tatsachen entsprechend als tatsächliche Integration. Die DDR-Regierung besaß von Anfang an die Courage, ihnen zu sagen, dass diese Aussiedlungen nicht zu revidieren sind, und orientierte auf rasche Eingliederung in die Produktions- und Lebensprozesse, zumal sie es proportional mit einem höheren Anteil an Umsiedlern zu tun hatte als die westlichen Besatzungszonen. Während in der Bundesrepublik der Status des „Vertriebenen“ vererbbar war und ist und die Zahl der „Vertriebenen“ ständig anwächst, galten in der DDR die hier geborenen Kinder von Umsiedlern nicht mehr als solche. Was die wenigen Arbeiten von DDR-Historikern zur Umsiedlung und zur Integration der Umsiedler angeht, so werden sie im Literaturverzeichnis zwar genannt, aber im Text nur einmal herangezogen.

Große Aufmerksamkeit widmen die Verfasser im ganzen Buch der Geschichte der deutschen Ostgrenzen, weil die Grenzfrage unlösbar mit den Zwangsumsiedelungen verbunden war. Sie insistieren darauf, dass die Zerstörung der deutschen Ostgrenzen nicht von den Siegermächten des zweiten Weltkriegs, sondern bereits von der Hitlerregierung vorgenommen wurde, dass sie entgegen den Revisionsforderungen der Bundesregierung und der Vertriebenenverbände nach 1945 in ihrer Vorkriegsgestalt nicht wiederhergestellt werden konnten, zumal keine deutsche Regierung zwischen 1919 und 1939 die deutsch-polnische Grenze völkerrechtlich anerkannt hatte. Sie analysieren die Schritte und Verhandlungen der alliierten Mächte während des Krieges und den Stellenwert der Oder-Neiße-Grenze für den Anti-Potsdam-Revisionismus. Sehr lesenswert ist ihre Gegenüberstellung der prototypischen Haltungen zur Oder-Neiße-Grenze mit Polen am Beispiel der Arbeiten des Historikers Rudi Goguel aus der DDR und des westdeutschen Polen-Historikers Gotthold Rhode. (Vgl. Polen, Deutschland und die Oder-Neisse-Grenze, hg. vom Deutschen Institut für Zeitgeschichte in Verbindung mit der Deutsch-Polnischen-Historikerkommission unter der verantwortlichen Redaktion von Rudi Goguel, Berlin 1959; Gotthold Rhode, Wolfgang Wagner (Hg.): Quellen zur Entstehung der Oder-Neisse-Linie in den diplomatischen Verhandlungen während des Zweiten Weltkrieges, Stuttgart 1956)

Das umstrittene Erinnern der Vertriebenenorganisationen
„In der Bundesrepublik ist (...) aus der Vielfalt von Erfahrungen und Erinnerungen ein in der gesamten Gesellschaft dominantes und strukturell über Generationen gleich gebliebenes Erinnerungsbild hervorgegangen, das als Mythos Vertreibung bezeichnet werden kann. Zur Personifizierung dieses Narrativs sind die Vertriebenenorganisationen geworden.“ (S. 514) Seit 1950 in Landsmannschaften und 1957 im Dachverband „Bund der Vertriebenen“ (BdV) organisiert, präsentieren sich diese als einzig legitime Interessenvertreter der „Vertriebenen“ und diese selbst einerseits als unschuldige Opfer unrechtmäßiger Gewalt und andererseits als diejenigen Opfer, die das schlimmste Leid im zweiten Weltkrieg erfahren und tragen mussten. Die Vertriebenenverbände „verdanken ihre Existenz und ihre besondere Stellung im politischen Leben der Bundesrepublik den Bemühungen der Bundesregierungen um die Revision des Potsdamer Abkommens und der auf ihm ruhenden europäischen Staatenordnung“. (S. 455)

Doch „die nach der Gründung der Bundesrepublik staatlich geförderten Vertriebenenorganisationen haben sich erstaunlich wenig um die Klärung des Schicksals der Umgekommenen bemüht“. Diese waren faktisch ebenso Manövriermasse für die Vertriebenenfunktionäre wie ihre angebliche Zahl. „Während der ‚Vater der Heimatvertriebenen’ Reichenberger von 18 Millionen Vertriebenen und fünf Millionen hingemordeten Opfern gesprochen hatte“ (Father Emmanuel Reichenberger: Ostdeutsche Passion, Düsseldorf 1948, 1995 als „Sudetendeutsche Passion. Für Wahrheit und Gerechtigkeit“ in Kiel neu aufgelegt; ders: Europa in Trümmern. Das Ergebnis des Kreuzzuges der Alliierten, Graz-Göttingen 1952), hat der BdV „inzwischen seine Zahlen der Vertreibungsopfer auf zwei bis zweieinhalb Millionen reduziert, ohne allerdings Auskunft darüber zu geben, warum seine früheren Zahlen falsch und die gegenwärtigen richtig sein sollen“. (S. 44)

Viel Platz widmen die Autoren der Analyse des Anspruchs der Vertriebenenverbände auf Alleinvertretung aller Vertriebenen und auf deren Erinnerung. Der Bund der Vertriebenen beansprucht, auch für jene zu sprechen, die ihm gar nicht angehören, er ist dazu aber nicht legitimiert. Auch wenn zu seiner Klientel zahlreiche Personen gehören, die niemals vertrieben wurden, und der Vertriebenenstatus vererbbar ist, vertrat der BdV zu keinem Zeitpunkt mehr als etwa ein Prozent der Vertriebenen. Alle Bemühungen von nicht im BdV organisierten Vertriebenen, dessen Anspruch zu widersprechen, da sie ihre Interessen nicht von ihm vertreten sehen, konnten vom BdV mehr oder weniger wirksam abgewehrt werden, nicht zuletzt deshalb, weil die Regierungen und anderen staatlichen Einrichtungen diesen Monopolanspruch unterstützten. Solche öffentlichen Proteste, die die Verfasser vorstellen und abdrucken, konnten vom BdV um so leichter ignoriert werden, als sich die übergroße Mehrheit der von ihm beanspruchten Klientel schweigend dazu verhielt.

Obwohl demokratisch nicht legitimiert, beansprucht der BdV auch einen besonderen Status im politischen Leben der Bundesrepublik, weil die Vertriebenen eine Gruppe mit Sonderstatus seien. Dieser wird gewöhnlich mit zwei verschiedenen Argumenten begründet: Zum einen mit der Aura der eigenen Unschuld und des erlittenen Unrechts, zum anderen mit der vermeintlichen kulturellen Eigenart eines ostdeutschen Erbes, das sui generis sei und dessen offizielle staatliche Förderung allein durch die Landsmannschaften gewährleistet werden könne. Damit wird dieses kulturelle Erbe nicht nur als ein besonderes gepflegt, sondern zugleich auch mental aus dem kulturhistorischen Kontext der BRD ausgegrenzt. Hahn/Hahn charakterisieren diese vermeintliche kulturelle Eigenart zutreffend als Plattform für das Fortleben kulturhistorischer Traditionen der Nazizeit.

Im Gegensatz zu seinem Monopolanspruch, Interessenvertreter der Vertriebenen zu sein, hat sich der BdV, so weisen die Autoren nach, in der Praxis um die alltäglichen Belange seiner Klientel gar nicht gekümmert. Besonders makaber ist der Anspruch der Vertriebenenpolitiker, die öffentliche Erinnerung an die Vertreibung entscheidend bestimmen zu wollen, und zwar nicht nur für die von ihr beanspruchte Klientel, sondern für die ganze deutsche Gesellschaft. Bereits in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde von den späteren Landsmannschaften die narrative Grundstruktur des in Westdeutschland entstandenen Mythos herausgebildet, der dann ein halbes Jahrhundert lang nacherzählt wurde. Die Grundfiguren dieses Erinnerungsbildes der Vertreibung sind erstens die eines schuldlos kollektiv erlittenen Unrechts, zweitens das der Vertreibung der Deutschen als des größten Unrechts jener Zeit und drittens das „Recht auf Heimat“ als Recht der Revision der Ergebnisse des zweiten Weltkrieges, also als ein Recht auf Rückkehr zu den politischen Herrschaftsbedingungen, bevor sie vertrieben wurden. „Die Heimatvertriebenen werden als die ‚vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen’ bezeichnet“ und dieses wenig später zum Verbrechen und zum Völkermord erklärt. Hahn/Hahn ordnen diese Erinnerung, die der Wahrnehmung des Leids der anderen nicht mehr fähig war, einer national beschränkten Sicht völkischer Tradition zu und kommentieren sanft: „Auf jeden Fall ist die durch einen Superlativ zum Ausdruck gebrachte Inanspruchnahme einer Vorrangstellung der deutschen Heimatvertriebenen im ‚Leid dieser Zeit’ , wie auch immer man sie zu erklären versucht, ein Zeugnis historisch-politischer und moralischer Desorientierung.“ (S. 446)

Interesse verdient die Recherche der Verfasser, wer an der Produktion dieses Mythos besonders beteiligt war. Im Vordergrund stehen sudetendeutsche Biographien und sudetendeutsche Autoren. Es stellt sich heraus, dass an der Formulierung dieses Erinnerungsbildes Politiker und Publizisten beteiligt waren, die sich schon nach dem ersten Weltkrieg als Funktionäre des sog. Grenz- und Auslandsdeutschtums für die völkisch-imperialistische Mobilisierung der deutschen Minderheiten einsetzten, sowie führende sudetendeutsche Nazis. Beispielgebend wurden die Erlebnisse des Propagandachefs der Sudetendeutschen Partei, Rudolf Sandner, nach 1945 Vorstandsmitglied des Witikobundes und Organisationsleiter des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten; von Fritz Köllner, Führer der Gruppe Schlesien des Sudetendeutschen Freikorps 1938 und stellvertretender Gauleiter des Reichsgaus Sudetenland, später Oberregierungsrat im bayrischen Arbeitsministerium; oder des böhmischen Gymnasialprofessors Ludwig Eichholz, Gauamtsleiter der NSDAP in Reichenberg und nach 1945 Mitglied des Sudetendeutschen Rates. In die Erinnerungen an solche für den Mythos Vertreibung typisierten Biographien sudetendeutscher Politiker passten natürlich Personen wie Ludwig Czech, Sozialdemokrat und Gesundheitsminister der 1. Tschechoslowakischen Republik und als Jude 1942 in Theresienstadt umgekommen, nicht hinein.

Das „gängige Bild der Nachkriegstschechoslowakei als eines wild gewordenen Landes, in dem ‚die’ Deutschen blind aufgrund antideutscher Hass- und Rachegefühle verfolgt worden wären“ (S. 510), prägten Autoren wie Walter Becher, 1938 Angehöriger des Sudetendeutschen Freikorps, Ernst Frank, Bruder des 1946 in Prag hingerichteten „Staatsministers im Protektorat Böhmen und Mähren“ Karl Hermann Frank und Gründer des „Heimreiter“-Verlages, in dem Bücher führender sudetendeutscher NS-Aktivisten wie Hans Krebs neu aufgelegt wurden, oder Ernst Lehmann, Mitglied des völkischen Witikobundes, zu dem sich nach 1945 ehemalige sudetendeutsche NS-Anhänger zusammenschlossen. In den Landsmannschaften wurden keine Diskussionen über die Nazivergangenheit geführt und deren mentale Traditionen auch nicht kritisiert. Die für eine Dokumentation interessierenden Augenzeugenberichte über die Vertreibung erhielten durch die Herausgeber eine völkische Interpretation, bevor sie in derartige Sammlungen aufgenommen wurden.

Jenes Erinnerungsbild an die Vertreibung, das alle künftigen bestimmen sollte, präsentierten bereits die 1951 erschienenen „Dokumente zur Austreibung der Sudetendeutschen“, die auf Befragungen und Erinnerungsberichten beruhten, in deren vorgegebenen Fragen die Grundmuster des Mythos entworfen wurden. Das Leid der Vertriebenen wurde so bereits bei seiner Erfassung für die Erinnerungsbilder politisch instrumentalisiert. In dieser Publikation wurde die Vertreibung bereits als Völkermord bezeichnet.

Ein wichtiger Schritt in der Ausbildung des kollektiven Gedächtnisses an die „Vertreibung“ in der Bundesrepublik war die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“. Seit sechs Jahrzehnten werden deren Verfasser gerühmt und rühmen die BdV-Politiker sich selbst dafür, dass sie in der Charta erklärten, auf Rache und Vergeltung verzichten zu wollen. Micha Brumlik hat 2005 darauf hingewiesen und die Autoren stimmen ihm darin zu, dass mit diesem Verzicht zugleich ein grundsätzlicher Anspruch auf Rache und Vergeltung beglaubigt wurde. (Micha Brumlik: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen, Berlin 2005) Die Charta wurde 1950 zum fünften Jahrestag der Unterzeichnung des Potsdamer Abkommens verabschiedet. Die Bezeichnung „Charta“ wurde gewählt, um sie symbolisch mit zwei anderen Urkunden dieses Namens in eine Reihe zu stellen, mit der Atlantik-Charta der USA und Großbritanniens sowie mit der Charta der Vereinten Nationen. Die Unterzeichner der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ protestierten gegen die Potsdamer Vereinbarungen und erklärten, diese verstießen gegen die beiden genannten Deklarationen. Völkerrechtlich war es jedoch so, dass weder die Bundesrepublik Deutschland noch die Vertriebenenverbände sich auf diese beiden Urkunden berufen konnten, sie waren nicht einmal berechtigt, gegen das Potsdamer Abkommen zu protestieren.

Die Charta enthält keinerlei Hinweise darauf, wer die Heimatvertriebenen sind und woher, wann und vom wem sie vertrieben wurden. Sie sagt auch nichts darüber, wo diese Heimat liegt noch was sie zu tun gedächten, um das gottgegebene Recht auf Heimat einzufordern. Aber sie erklärt, die Vertriebenen seien vom „Leid der Zeit“ am schwersten betroffen worden und die ganze Welt sei „für das Schicksal der Heimatvertriebenen“ mitverantwortlich. Die Erklärung der Umsiedlungen zum Verbrechen an Unschuldigen, ja Schuldunfähigen, die Nichtanerkennung der Realität und die Forderung nach Rückkehr durch Revision der Potsdamer Beschlüsse bilden die Kernelemente des mit der Charta begründeten Mythos. Anzumerken bleibt, dass es hier nicht schlechthin um ein „Recht auf Heimat“ als Recht auf Rückkehr ging oder geht, sondern um ein Recht auf Rückkehr in die Heimat zu jenen Bedingungen, unter denen sie bis 1945 Heimat war, also denen des faschistischen deutschen Rechts bzw. des deutschen Besatzungsregimes mit einem Volksgruppenrecht, das die Angehörigen der deutschen Minderheit mit einem besonderen Recht ausgestattet hatte.

Damit war ein entscheidender Schritt auf dem Wege zur Ausbildung des kollektiven Gedächtnisses an die Vertreibung in der Bundesrepublik getan. Hahn/Hahn analysieren auch den nächsten Schritt: Ein Jahr später fand in der Frankfurter Paulskirche der erste Bundeskongress der Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften statt. Die Bundesregierung war durch Vizekanzler Franz Blücher und die Minister Jakob Kaiser und Hans Lukaschek vertreten. Hier kamen zwar die historischen Ereignisse nicht zur Sprache, doch wurde eine Deutung der Vertreibung als Verbrechen präsentiert, die zur obligatorischen narrativen Grundstruktur des in der Bundesrepublik entstandenen Vertriebenenmythos wurde und vom tschechischen Deutschenhass und den Haufen stürmender asiatischer Barbaren der Roten Armee über den russischen Drang nach Westen bis zur kulturellen Überlegenheit der Deutschen über die slawischen Völker etc. alle überkommenen Vorurteile des deutschen Chauvinismus wiederholte. Die Teilnehmer wussten zwar nicht zu sagen, wo genau der „Osten unseres Vaterlandes“ lag, waren aber sicher, dass er einen erheblichen Teil des europäischen Kontinents umfasse: „Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer dehnt sich unsere Heimat.“

Historisch und ethnisch lassen sich die ehemaligen Heimatgegenden der deutschen Vertriebenen mit keiner zusammenfassenden Bezeichnung benennen. Deshalb ist die von den Vertriebenenverbänden, ihren Politikern und Publizisten kultisch gepflegte Verknüpfung von „deutschem Osten“ und „Vertreibung“ durchaus problematisch, da sie diesen „deutschen Osten“ weder historisch noch geographisch noch kulturell genauer bestimmen können. Das aber hindert sie nicht im geringsten daran, diesen „deutschen Osten“ als „Heimat der Vertriebenen“ in Anspruch zu nehmen und für deren besonderes ostdeutsches Kulturerbe besondere Förderung einzufordern. De facto geht es darum, als ostdeutsches Kulturerbe sui generis völkische Traditionen zu pflegen, die grundlegend mit dem rechtsstaatlichen Denken in Europa differieren. Insofern ist, wie die Autoren schreiben, diese Kulturförderung keine Vergangenheitsbewältigung im Sinne einer Loslösung von den kulturhistorischen und mentalen Kontinuitäten völkischen Denkens zugunsten demokratischer Wertvorstellungen, sondern das genaue Gegenteil.

Die Analyse der Mystagogik des „deutschen Ostens“ als eines Kulturerbes sui generis, das allein die Vertriebenenfunktionäre zu repräsentieren fähig seien, bildet ein vorzügliches und vergnügliches Sonderstück innerhalb des Buches von Eva Hahn und Hans Henning Hahn. Die beiden Autoren weisen nämlich nach, dass über diesen „deutschen Osten“ als historischen und kulturellen Ort nur Autoren schreiben, „die ein solches Gebiet nicht zu beschreiben vermögen“, so wie das Erinnerungsbild an die Vertreibung meist von jenen Vertriebenenpolitikern geprägt wurde, die selbst gar keine eigenen Vertreibungserfahrungen hatten.

Resümee
„Die Vertreibung im deutschen Erinnern“ ist ein mutiges und aufrichtiges Buch. Es beweist, dass sein Gegenstand für seriöse Historiker kein Tabu sein muss, nur weil dieser Gegenstand von Vertriebenenfunktionären und ihrem politischen Umfeld seit Jahrzehnten für ihre Politik missbraucht wird. Sie vollziehen nicht den geforderten Kotau vor den politisch normierten Glaubensdogmen des Vertreibungsmythos, sondern untersuchen den doppelten Gegenstand, die Vertreibungsgeschichte und die Erinnerungsgeschichte daran so, wie es sich für eine kritische Geschichtsschreibung gehört. Methodisch sind sie dabei der Stereotypenforschung und der Erinnerungsgeschichte in der Folge Assmanns gefolgt.

Die Verfasser behandeln die Massenumsiedlungen und die Erinnerungsprozesse nicht nur durchgehend kritisch, sondern auch konsequent historisch, das heißt, sie widersprechen damit jedem Anspruch, Aussagen darüber zu unhistorischen Glaubensdogmen zu stilisieren. Sie verweigern jeden Respekt vor gängigen Vorurteilen, Halbwahrheiten und politisch korrekten Lügen über ihren Gegenstand. Ihre wissenschaftliche Kritik macht auch vor halben oder ganzen Kapitulationen ihrer Historikerkollegen vor dem offiziellen Vertriebenendiskurs nicht halt und ist in dieser Hinsicht erfrischend polemisch.

Dieses Buch ist in allen seinen Aussagen strikt quellengestützt und so materialreich, dass es zuweilen geradezu ausschweifend daherkommt. Die Konstruktion als Erinnerungsgeschichte, die das Erinnerte über Strecken indirekt analysiert, mag jenen Lesern, denen es in erster Linie um das Geschehen und weniger um die Erinnerungsgeschichte in der Bundesrepublik geht, die Lektüre punktuell erschweren. Doch der politische Sinn ihrer Abhandlung für die Gegenwart liegt gerade in der Geschichte dieser inszenierten Erinnerung. Es ist nicht zu erwarten, dass dieses Buch die Zustimmung der Mehrheit der bundesdeutschen Historiker finden wird, seine Aussagen zu widerlegen, wird diesen Kollegen aber nicht gelingen. Sicher aber ist ihm die erbitterte Feindschaft der Vertriebenenpolitiker und ihrer Historiker vorherzusagen. So sei ihm eine weite Verbreitung gewünscht.