Sudetendeutsche Politiker
Der bekannte sudetendeutsche sozialdemokratische Politiker Wenzel Jaksch wird in der Bundesrepublik wegen seiner Opposition gegen Adolf Hitler in den 1930er Jahren erinnert. Nahezu vergessen ist jedoch sein völkisch-großdeutsches Bekenntnis, das ihn seit 1938 zum offenen politischen Gegner des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš im Londoner Exil machte. Diese antitschechoslowakische Haltung kam zum erstenmal in seinem 1939 in London verfaßten Memorandum „Was kommt nach Hitler?“ (in: Jitka Vondrová: Češi a sudetoněmecká otázka 1939-1945. Dokumenty, Praha 1994, S. 11-14) zum Ausdruck. Seine deutschvölkische Haltung prägte auch sein politisches Wirkung in der Bundesrepublik Deutschland, wie der hier zitierte Text aus dem Jahre 1963 und das darin klar formulierte Ziel, „ein deutsches Sudetenland“, zeigen. Bemerkenswert ist auch das hier von Jaksch verwendete deutschvölkische Stereotyp der vermeintlichen Gefahren, die von dem angeblich panslawistischen Charakter der tschechischen Nation für Europa ausgehen würden: „ein rein slawisches Böhmen bliebe ein Hindernis der Einigung Europas“.
In diesem bemerkenswerten Schreiben an
„den Führer und Reichkanzler Adolf Hitler“ vom 10. 4. 1938 distanzierte sich der
1948-1959 amtierende Sprecher der Sudetendeutschen
Landsmannschaft,
Rudolf Lodgman von Auen, von
seinem Vorgänger, dem führendem sudetendeutschen Politiker aus den Jahren
1933-1945,
Konrad Henlein. Lodgman, selbst als ein gläubiger Nationalsozialist
auftretend, kritisierte Henlein und seine Verbündeten im „Kamaradschaftsbund“
(KB) wegen ihrer opportunistischen Bekenntnisse zur demokratischen
tschechoslowakischen Republik, die Lodgman für Anbiederung und unangemessene
Tarnungsversuche hielt („Wer die Jahre 1934 und 1935 im Rahmen sudetendeutscher
Politik erlebt hat, der kann nur mit Verbitterung und Zorn der Anbiederungen
gedenken, denen sich der KB durch seine Sprecher hingab”). Dabei kritisierte er
auch die später von der Sudetendeutschen
Landsmannschaft
popularisierte Idee, die Deutschen aus der Tschechoslowakei seien einem
“sudetendeutschen Stamm” zuzuordnen. Der heutige Leser wird wohl kaum Lodgmans
Meinung über den Nationalsozialismus teilen (“Es wird wenige Beispiele in der
Geschichte der Menschheit geben, in der eine sittliche Idee mit so sittlichen
Mitteln verfochten worden ist, wie im Siegeszuge des Nationalsozialistischen
Gedankens”), aber die Lektüre seiner Kritik an Henlein bietet erhellende
Einblicke in die mentale Welt der sudetendeutschen Bewegung vor und nach dem
Zweiten Weltkrieg.
Der folgende Text zeigt, wie der führende sudetendeutsche Politiker Karl Hermann Frank seine Vorstellungen von der eingeschränkten Eigenständigkeit der tschechischen Nation im Jahre 1941 begründete und dabei den folgenden Grundgedanken ausführte: „Eines steht fest: immer ging es dem tschechischen Volk am besten, wenn es sich – friedlich arbeitend – dem deutschen Leben ein- und deutscher Führung unterordnete.“ Bemerkenswert ist dabei v. a. die Kontinuität des hier präsentierten Geschichtsbildes von K. H. Frank mit den völkischen sudetendeutschen Texten aus den Gründungsjahren der Tschechoslowakei, z. B. Erich Gierach: Katechismus für die Sudetendeutschen.
Der 1925-1933 sudetendeutsche Abgeordnete im tschechoslowakischen Parlaments, Hans Krebs, flüchtete 1934 nach Deutschland und wirkte dort mit dem Rang eines „Gauleiter des NSDAP“ bis 1938, als er den vorliegenden Text veröffentlichte. In der hier zitierten Passage liegt eine bemerkenswerte Darstellung der Geschichte der sudetendeutschen völkischen Bewegung vor, mit Hinweisen auf viele in der BRD bisher kaum bekannte Zusammenhänge zwischen der sudetendeutschen Geschichte und der alldeutschen Bewegung aus der Habsburgermonarchie sowie der nationalsozialistischen Bewegung in der Weimarer Republik.
Konrad Henlein: Wir glaubten fanatisch und unbeirrbar
In diesem Text aus dem Jahre 1943 erläutert Konrad Henlein, wie und warum er den Entschluß gefaßt hat, seine persönliche NS-Gesinnung zu tarnen „und nach außen hin in voller Legalität den Kampf um die Selbstbehauptung des Sudetendeutschtums und die Vorbereitung für die Heimholung ins Großdeutsche Reich“ zu führen. Darüber hinaus bekennt er sich hier auch zu seinen Absichten, als ‚Führer’ der 1933 gegründeten Sudetendeutschen Heimatfront (ab 1935 Sudetendeutsche Partei), „die innere Stabilität der Tschechoslowakei so gründlich zu gefährden und ihre inneren Verhältnisse so sehr zu verwirren, daß sie im Sinne der sich anbahnenden Neuordnung des Kontinents zur Liquidation reif wurde“.
Diese programmatische Rede von Konrad Henlein aus dem Jahre 1936 zeigt, wie notwendig es ist, die deutsch-tschechischen Beziehungen in der ersten tschechoslowakischen Republik in der bisher vernachläßigten kulturhistorischen Perspektive zu betrachten, um die damaligen Konflikte zu verstehen. Die Rede spiegelt die Grundsätze des völkischen Kultur- und Geselschafttsverständnisses wieder und dokumentiert anschaulich, wie antidemokratisch und antiliberal die damaligen völkischen sudetendeutschen Ziele auf dem Gebiet der Kulturpolitik und warum sie daher unvereinbar mit dem politischen System der ersten tschechoslowakischen Republik waren. Das Bild der von Henlein geführten Sudetendeutschen Partei läßt sich auf diesem Hintergrund keineswegs auf das Bild einer sich defensiv gegen die tschechische Nationalitätenpolitik wehrenden Partei reduzieren, sondern muß auf diejenigen Aspekte der damaligen sudetendeutschen Politik fokussieren, die heute mit dem Begriff „Rechtsradikalismus“ bezeichnet werden.
Diese, von Walter Brand 1935 gehaltene Rede, ist die Rede eines Mannes, der später einer der einflußreichsten sudetendeutschen Politiker in den Gründungsjahren der BRD war, gehört zu den wichtigsten Quellentexten der sudetendeutschen politischen Geschichte. Bemerkenswert sind dabei u. a. die völkische Rhetorik, ihre antidemokratischen und antiliberalen Gesellschaftsbilder sowie Brands politische Zielsetzungen, die als ein unüberwindbarer Gegensatz gegenüber der tschechischen Nation konstruiert wurden („der Tscheche“ verharre „immer noch in der seinem Wesen vollkommen fremden Gedankenwelt des Westens“).
Zu beachten sind auch die von Brand präsentierten zwei alternativen Szenarien zur Lösung von nationalen Konflikten („entweder die physisch-leibliche Ausrottung der anderen Volksgruppen oder aber müssen die Verhältnisse in eine Nationalitätenstaate so gestaltet werden, daß jede Volksgruppe zufrieden und frei in ihm leben kann“ – das erste „dürfte unter den heutigen Verhältnissen immerhin einige Schwierigkeiten“, das letztere setze „einen Bruch mit der ganzen liberalistisch-imperialistischen Haltung voraus“.