Die Vertriebenen in der Bundesrepublik: Rückblick aus dem Jahre 1978


zit. nach Rolf Meinhardt: “Deutsche Ostkunde”. Ein Beitrag zur Pädagogik des Kalten Krieges 1945-1968, Oldenburg (Old.) 1978, S. 28-34 (im folgenden Text wurden alle bibliographischen Hinweise und Anmerkungen des Verfassers aus technischen Gründen kennzeichnet ausgelassen)


Die Vertriebenen in der Bundesrepublik

Vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges strömten ca. 10 Millionen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, aus dem Sudetenland und den Ländern Südost-Europas, die nach dem Beschluß der Siegermächte ausgewiesen worden waren, in die westlichen Besatzungszonen ein (Anm. 1/S. 29).

Ihre Zahl machte 16,5% der Gesamtbevö1kerung aus (Anm. 2/S. 29). Unter ihnen herrschte große Not: 1950 lebten noch 917000 von ihnen in “Notwohnungen und Unterkünften außerhalb von Wohnungen” (Anm. 3/S. 29). Der Anteil ihrer Arbeitslosen war doppelt so hoch wie der Anteil an der Gesamtbevölkerung (Anm. 4/S. 29) und dreimal höher als bei der einheimischen Bevölkerung (Anm. 5/S. 29). 93% der Vertriebenen waren 1950 in abhängiger Stellung beschäftigt (Anm. 6/S. 29). Ihrer Arbeitskraft, ihrem Fleiß und zähem Aufbauwillen ist ganz ohne Zweifel das “deutsche Wirtschaftswunder” mit zu verdanken.

Zu der Pauperisierung ehemals bürgerlicher Schichten durch die Ausweisung kamen die sozialen Ressentiments der Vertriebenen gegenüber den Einheimischen (Anm. 7/S. 29).

Diese Millionen vertriebener und besitzloser Menschen stellten folglich ein erhebliches Konfliktpotential für die gesellschaftliche Konsolidierung nach 1945 in Westdeutschland dar.

Diese Gefahr wurde in den Westzonen deutlich gesehen und in vielfältigen Formen beschworen (Anm. 8/S. 29). Von der amerikanischen Militäradministration und deutschen Behörden wurde deshalb eigens eine Kommission eingesetzt, die sich mit dem Problem der raschen Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen befaßte (Anm. 9/S. 29).

Die Eingliederungsmaßnahmen zunächst der Zonenverwaltungen und später der Bundesreqierung, die schon bei ihrer Konstituierung ein “Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte” einrichtete, waren sehr erfolgreich (Anm. 10/S. 29).

Staatsbürgerschaften, Darlehen aus dem Lastenausgleichsfonds, steuerliche Vorteile, Investitionen aus öffentlichen Mitteln im Wohnungsbau und Vergünstigungen für Vertriebenenbetriebe bei der Vergabe öffentlicher Aufträge haben in relativ kurzer Zeit die gröbste wirtschaftliche und soziale Not gelindert und beseitigt (Anm. 1/S. 30). So kann schon etwa mit dem Jahre 1960 der Integrationsprozeß der Vertriebenen in die westdeutsche Gesellschaft im großen und ganzen als beendet angesehen werden (Anm. 2/S. 30).

Im Gegensatz zu der ökonomisch und sozial geleisteten Eingliederung scheint auf den ersten Blick die politische Integration mißlungen zu sein. Noch 1975 berichteten die Massenmedien über Aktionen des “Bundes der Vertriebenen” oder einzelner Landsmannschaften, die
noch immer der Ära des “Kalten Krieges” verhaftet zu sein scheinen (Anm. 3/S. 30).

Die Vertriebenenorganisationen haben sich allerdings Zeit ihres Bestehens seit 1949 einer radikalen und aggressiven Sprache bedient. Vertraten sie zunächst die Interessen sicherlich der breiten Masse der Flüchtlinge und Vertriebenen hinsichtlich deren wirtschaftlicher Besserstellung, so verstanden sie sich, als diese Ziel erreicht war, mehr und mehr als die Wahrer eines Rechtsanspruchs auf die verlorene Heimat (Anm. 4/S. 30). Dieser Kurs wurde aber von der Majorität der Vertriebenen nicht mitgemacht (Anm. 5/S. 30).

Dies zeigt nicht nur die schrumpfende Zahl heimkehrwilliger Vertriebener (Anm. 6/S. 30), sondern auch das Schicksal des “Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten” (BHE). Der BHE, der insbesondere für den Lastenausgleich der Vertriebenen eintrat (Anm. 7/S. 30), konnte 1961, 11 Jahre nach seiner Gründung, nach anfänglich großen Wahlerfolgen wegen der zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Konsolidierung der Flüchtlinge bei den Bundestagswahlen nur noch 2,8% der Wählerstimmen auf sich vereinigen - trotz verschiedentlicher Fusionen mit anderen konservativen Splitterparteien (Anm. 1/S. 31).

Von einer politischen Isolierung oder Desintegration der breiten Masse der Vertriebenen - das gilt für die fünfziger Jahre auch für ihre Funktionäre - kann also nicht die Rede sein. Im Gegenteil: die Bundesregierungen unter Adenauers Kanzlerschaft als auch die Opposition unternahmen alles, um die Sympathien der Vertriebenen zu gewinnen. Immerhin ging es nicht nur um einige Millionen Wählerstimmen, sondern urn die Loyalität der Vertriebenen bei der Westintegration, die ja implizit die Chancen einer eventuellen Rückkehr verringerte, wenn nicht völlig zunichte machte und stattdessen Ostpolitik ausschließlich auf die Demonstration von Macht und Stärke reduzierte (Anm. 2/S. 31).

Um so lauter freilich wurden die Forderungen der Vertriebenenverbände nach Revision der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Grenzen und nach Rückkehr der Heimatvertriebenen, und um so schärfer fiel die Kritik an jenen aus, die Zweifel an der politischen Angemessenheit solcher Forderungen oder auch nur Differenzierungsversuche öffentlich anzustellen wagten (Anm. 3/S. 31). Schwab-Felisch hat diese Politik treffend so charakterisiert: “In der Schwebe halten: Illusionen wecken, Ansprüche wachhalten, toujours y penser, toujours en parler. Den Topf am Kochen halten, nicht aber ihn zum Überkochen bringen. Das ist das Rezept" (Anm. 4/S. 31).

Den Regierungen der Bundesrepublik gelang es, sich in den Vertriebenenorganisationen einer wirkungsvollen und zuverlässigen Stütze bei der Westintegration und - gleichsam als Unterpfand und Beweis der Behauptung, Millionen von Vertriebenen drängten in ihre alte Heimat zurück - ihrer Ostpolitik zu versichern.

Ihren Funktionären wurden Ministerämter angetragen (Lukaschek und Oberländer wurden Minister für Vertriebene; Seebohm hatte das Amt des Verkehrsministers von 1949-1966 inne); die Vertriebenenorganisationen wurden äußerst großzügig subventioniert (Anm. 1/S. 32) und an politischen Entscheidungen selbst internationaler Bedeutung beteiligt (Anm. 2/S. 32). So wurde zum Beispiel um die Jahreswende 1956/57 vom Auswärtigen Amt der Austausch von Handelsmissionen mit Polen vorbereitet, der dann aber unterblieb, weil offenbar die Vertriebenenorganisationen beim Kanzler interveniert hatten (Anm. 3/S. 32).1959 konsultierte die Bundesregierung vor der Genfer Außenministerkonferenz den “Bund der Vertriebenen” (BdV), um mit ihm “Kontrapunkte” zu den sowjetischen Vorschlägen zur friedlichen Lösung der deutschen Frage auszuarbeiten. Mit Billigung der Bundesregierung unterhielt der BdV während der Verhandlungen eine Beobachterdelegation, die von Bundesaußenminister von Brentano in Genf offziell empfangen wurde (Anm. 4/S. 32). Noch 1966 war der Einfluß der Vertriebenenverbände so stark, daß sie im Kabinett die Modifikation des Entwurfs einer Friedensnote durchsetzen konnten (Anm. 5/S. 32).

Die Politik der Vertriebenenorganisationen und Landsmannschaften ging nicht nur in allen wesentlichen Fragen der Ostpolitik mit der Bundesregierung völlig konform, sie entsprach ihr auch in ihrer Radikalität (Anm. 6/S. 32). “Heute weiß man oft nicht mehr zu unterscheiden, wer in allen Fragen der Ostpolitik, die bei der DDR beginnt und bis zur Hallstein-Doktrin reicht, der Getriebene und wer der Treiber ist: die Vertriebenen oder die Bundesregierungen (Anm. 7/S. 32).

Die Forderung nach der Rückkehr in die verlorene Heimat suchten die Vertriebenenverbände durch den Rekurs auf ein “Recht auf Heimat” und auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu legitimieren - beides Argumente, die rechtlich und politisch höchst problematisch sind (Anm. 8/S. 32).

Die Aggressivität und Militanz der politischen Wiedergewinnungspläne fanden ihre Entsprechung in dem politischen Stil, den die Vertriebenenverbände pflegten. Da denunzierten sie politische Kräfte, die für eine Verständigung mit den osteuropäischen Staaten eintraten, als “Verzichtspolitiker” und “Fünfundvierziger” (Anm. 1/S. 33). Sie formulierten das demagogische Schlagwort “Verzicht ist Verrat” (Anm. 2/S. 33). 1951 wurde eine Ausstellung über die polnischen Aufbauleistungen gestürmt und Ausstellungsgegenstände gewaltsam entternt, anschließend - trotz eingestandener Rechtswidrigkeit - die Tat offiziell von den Vertriebenenverbänden gutgeheißen (Anm. 3/S. 33). 1963 wäre der Fernsehautor Neven-DuMont wegen eines positiven Berichts über Polen
von aufgebrachten Schlesiern beinahe gelyncht worden (Anm. 4/S. 33). Reinhold Rehs sah sich nach der Übernahme des BdV-Vorsitzes 1967 genötigt, an die Adresse der landsmannschatlichen Funktionäre die Mahnung zu richten, daß Emotionen, “schrille Töne und radikale Töne der Behauptung der Interessen nur schaden konnten” (Anm. 5/S. 33).

In Vertriebenenkreisen wurden wieder antislawische Ressentiments laut. Die Kontinuität zur NSDAP ist im Vokabular der Vertriebenenverbände unüberhörbar. Ein erheblicher Teil der Funktionäre hatte schon während des Dritten Reichs hohe Positionen inne und gehörte nach 1945 rechtsradikalen Verbänden wie dem “Witikobund” (Anm. 6/S. 33) oder der neonazistischen NPD an. (Anm. 7/S. 33)

1973 bekannte der stellvertretende Vorsitzende der “Landsmannschaft Berlin-Brandenburg”, Hans Beske, offen: “Wenn ich heute meine Reden aus den fünfziger Jahren lese, bekomme ich eine Gänsehaut” (Anm. 8/S. 33). In der Tat: Ohne den “Kalten Krieg” sind weder die Vertriebenenverbände in dieser Form noch ihr Einfluß, den sie während der ersten 20 Jahre des Bestehens der BRD hatten, vorstellbar. Sie haben das Bild eines unruhigen Westdeutschland, das sich nicht mit dem Ausgang des Hitlerteldzuges abfinden wollte und in dem Revanschismus und Revisionismus wieder aufleben konnten, zutiefst mit geprägt und die Skepsis der östlichen Nachbarländer an der Integrität und Friedfertigkeit der Politik der Bundesrepublik weiter gehährt und verstärkt. (Anm. 1/S. 34)