Streit um Vertreibungszentrum geht weiter

Renate Hennecke 

Zit. aus: Deutsch-Tschechische Nachrichten Nr. 69, 18.11.2005

 Als am 23. Oktober in Polen der Kandidat der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), Lech Kaczynski zum Präsidenten gewählt worden war, sagte er noch in der Wahlnacht, Polen könne „mit der Errichtung eines Vertriebenenzentrums nicht einverstanden“ sein, und machte damit erneut deutlich, welche Bedeutung der Frage in Polen beigemessen wird.

Wenige Tage später, am 26. Oktober, veröffentlichte die BILD-Zeitung ein Interview mit dem neuen Präsidenten. Auch darin ging es um das Zentrum. Auf die Frage, ob die deutsche Regierung dessen Errichtung in Berlin verhindern müsse, antwortete Kaczynski: „Es wäre für die Beziehung unserer Länder das Beste, wenn das Vertriebenenzentrum niemals gebaut würde.“

Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) und der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“, reagierte gewohnt giftig. Kaczynski sei nicht in Deutschland zum Präsidenten gewählt worden, erklärte sie. Und sie mische sich ja auch nicht in polnische Angelegenheiten ein, bei der Frage des Zentrums handele es sich um eine „innerdeutsche Angelegenheit“ und „diese überzogenen nationalistischen Töne“ würden den Polen in der EU auch nicht helfen.

Deutlicher hätte sie kaum klar machen können, wie ihre tausendfachen Beteuerungen gemeint sind, das „Zentrum gegen Vertreibungen“ sei von Anfang an europäisch angelegt gewesen.

 Schwarz-rote Koalition will an das „Unrecht der Vertreibung“ erinnern

Gegenstand von Kontroversen war das Vertreibungszentrum auch bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD. Zunächst wurde das Thema in der Arbeitsgruppe Außenpolitik behandelt, dann von dem neuen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) und seinem Vorgänger Wolfgang Thierse (SPD) in die Arbeitsgruppe Kultur verschoben. Dort einigte man sich auf eine Formulierung, die alles möglich macht: „Die Koalition bekennt sich zur gesellschaftlichen wie historischen Aufarbeitung von Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung“, heißt es im schwarz-roten Koalitionsvertrag. „Wir wollen im Geiste der Versöhnung auch in Berlin ein sichtbares Zeichen setzen, um – in Verbindung mit dem Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität über die bisher beteiligten Länder Polen, Ungarn und Slowakei hinaus – an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten.“

Damit ist nun ausdrücklich formuliert, wie sehr sich das BdV-Vertreibungszentrum und das auf einer Initiative von Markus Meckel (SPD) beruhende und von der Kulturbeauftragten der rot-grünen Regierung, Christina Weiss, ins Leben gerufene „Europäische Netzwerk“ in ihren Grundaussagen ähneln: Beide sollen die Auffassung verbreiten und durchsetzen, die zum Schutz der Nachbarländer vor erneuter Destabilisierung durch eine expansive deutsche Minderheitenpolitik erfolgte Umsiedelung der Deutschen 1945/46 sei Unrecht gewesen. Nicht ohne Grund jubelte Erika Steinbach schon am 16. Mai 2002, als im Bundestag der rot-grüne Antrag „Für ein europäisch ausgerichtetes Zentrum gegen Vertreibungen“ verabschiedet und ihr eigener Antrag „Zentrum gegen Vertreibungen“ abgelehnt wurde: „Heute ist ein guter Tag.“ Und Norbert Lammert, damals Mitinitiator des CDU/CSU-Antrags und heute Befürworter einer neuen Leitkulturdebatte, freute sich: „So viel Übereinstimmung gab es selten.“

Während der oben zitierte Abschnitt des Koalitionsvertrages von manchen SPD-Politikern und in der Presse als Absage an das Steinbach-Projekt interpretiert wurde, zeigte sich die als Tochter eines Besatzungssoldaten im damaligen „Westpreußen“ geborene oberste „Vertriebene“ zufrieden. „Das ist ein klares Bekenntnis für unser Projekt“, sagte sie dem Tagesspiegel. Freilich hatte sie vor dem 18. September noch gehofft, mit der Bundestagswahl werde sie das Zentrum in trockenen Tüchern haben, stand doch seine Einrichtung im Wahlprogramm von CDU und CSU. Jetzt wird sie noch weiter darum kämpfen müssen. Aber die Tür ist nicht zugeschlagen, und „in Verbindung mit dem Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität“ kann sie sich das durchaus vorstellen. Schon früher hat sie das Netzwerk als Frucht eigener Bemühungen begrüßt.

 Wie die Dauerausstellung im Zentrum aussehen soll

 Im Internet (www.z-g-v.de) kann man derweilen nachlesen, wie das Zentrum bzw. sein Kernstück, die Ständige Ausstellung, aussehen soll. Die vier Hauptkapitel befassen sich ausschließlich mit dem „Schicksalsweg der deutschen Heimatvertriebenen“. Das erste Kapitel ist überschrieben „Heimatland“ und umfasst die Abschnitte „Heimat in Deutschland“ und „Heimat außerhalb von Deutschland“. Vorgestellt werden „Städte wie Breslau, Danzig oder Königsberg ebenso wie die Weite der masurischen Landschaft, die Idylle des Riesengebirges und die soziale Ordnung der Gutswirtschaft“. Erzählt werden soll „vom alltäglichen Leben in Ostpreußen, Pommern, Ostbrandenburg und Schlesien: von Hochzeit und Geburt, vom ersten Schultag, von Königsberger Klopsen und Thorner Kathrinchen, dem kulturellen Leben der Städte, dem Leben im schlesischen Industrierevier“. Idylle der „alten Heimat“, in der alle glücklich waren und jeder seinen angestammten Platz hatte, vom ostelbischen Junker bis zum polnischen Pferdeknecht. Oder – im zweiten Teil – vom „Nebeneinander und Miteinander der Volksgruppen in den von Deutschen bewohnten Gebieten außerhalb der deutschen Staatsgrenzen von 1937“. Auch hier soll „das alltägliche Leben in den Beziehungen zwischen der deutschen Minderheit und der herrschenden Mehrheitsgesellschaft der Ausgangspunkt der Darstellung“ sein. Geherrscht wird offenbar nur außerhalb der deutschen Grenzen: da herrschen die slawischen Landarbeiter über die deutsch-baltischen Barone (während deutsche Gutshöfe eine soziale Ordnung aufweisen), da bedrohen tschechische Chauvinisten redliche großdeutsche Patrioten ... Dazu soll man – passenderweise – „erzählte Märchen und Geschichten“ aus der jeweiligen Region im Originaldialekt hören.

Emotionale Überwältigung statt Aufarbeitung der Zusammenhänge

Das zweite Hauptkapitel heißt „Vogelfrei und rechtlos“. Dieser Teil soll so gestaltet werden, dass kritisches Nachdenken über die historischen Zusammenhänge gar nicht erst aufkommt, sondern der Besucher sich emotional vollständig mit den deutschen Opfern identifizieren muss. „Die Gestaltung dieses Ausstellungsteils empfindet das Entwurzeltsein und den Verlust der Menschenwürde nach. Der Besucher läuft neben einer lebensgroßen Projektion von Flüchtlings- und Vertreibungstrecks entlang. Sein Weg ist gesäumt von Gepäckstücken, die von den Flüchtlingen zurückgelassen wurden. An mehreren Stellen hat er die Möglichkeit, in einen Raum hinter der Leinwand zu treten und dort anhand von Fotos, Dokumenten und Objekten die näheren Umstände von Flucht und Vertreibung in sich aufzunehmen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Weges wird in eigenen Räumen das Ausmaß der Grausamkeit dargestellt, dem die Menschen in den Lagern, bei der Vertreibung und an ihren Heimatorten ausgesetzt waren. Auf einer Abzweigung wird das Schicksal und die Lage der Russlanddeutschen plastisch dargestellt.“

Schließlich folgen die beiden Kapitel „Zuflucht“ und „Neue Wurzeln“ über die Ankunft in „West- und Mitteldeutschland“, die erlittene Not und die Gefahr der Assimilierung bzw. über die Zeit nach dem Krieg, einschließlich Lager Friedland und „Charta der Heimatvertriebenen“. Da die Beschreibung dieser beiden Kapitel in der Vorlage der Stiftung zusammen weniger Platz einnimmt als das zweite Kapitel allein, sollen sie auch hier nur erwähnt werden.

 Das Böse ist immer und überall

Bleiben noch Einleitung und Schluss. Der „Prolog“ beginnt mit der Frage: „Warum Vertreibungen?“ Wer erwartet, Konkretes über die Umstände, die zugrunde liegenden Konflikte, die Ziele, kurz die Vorgeschichte und Zusammenhänge konkreter Vertreibungen zu erfahren, sieht sich getäuscht. In dem Konzept der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ für ihre Dauerausstellung wird ein Grund gleichermaßen für alle Vertreibungen seit 1848 verantwortlich gemacht.

Anfang des 19. Jahrhunderts, heißt es da, sei der Nationalismus entstanden und der habe in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts dazu geführt, dass sich bei Politikern und Bevölkerung mehr und mehr die Auffassung verfestigte, Frieden sei nur in einem ethnisch homogenen Nationalstaat möglich. „Von dieser Überzeugung zur Vertreibung war es nur ein kleiner Schritt. In gemischt besiedelten Gebieten und bei kriegerischen Grenzverschiebungen wurden Vertreibungen nun als das geeignete Mittel angesehen, ein zukünftig friedliches Zusammenleben zu gewährleisten.“ Dazu seien eine „Radikalisierung der Ideologien“ und die „gewachsenen technischen Möglichkeiten“ gekommen. Das Ende vom Lied: „Allein 20 Millionen Deutsche wurden zwischen 1918 und 1950 entwurzelt“ – angeblich nur deshalb, weil sie die falsche Nationalität besaßen.

Haben also Hitler, die deutsche Wehrmacht, die SS, SA und Einsatzgruppen nur zu radikal den Frieden geliebt, als sie Europa unterwarfen, um „Lebensraum“ für die deutsche Nation zu schaffen? War es übermäßige Friedensliebe, die zum Holocaust führte und die Feder beim Niederschreiben der monströsen Germanisierungspläne der Nazis führte?

War es umgekehrt ganz abwegig, wenn Polen, Tschechen, Ungarn und Jugoslawen glaubten, ohne die Einmischung der „Herrenrasse“ würden sie friedlicher leben können?

Im „Zentrum gegen Vertreibungen“ soll man die Ursachen von Vertreibungen verstehen, indem man auf einer Europakarte am Fußboden – ohne Grenzen! – spazieren geht und dabei „Zitate aus der Entstehungszeit des Nationalismus über den Zusammenhang von Nationalität, Rasse und Sprache in jeweils der Sprache des Landes (hört), auf dem der Besucher gerade steht“.

Das Ziel ist durchschaubar: Nationalismus gab und gibt es überall, soll der Besucher schließen, eine Seuche, die ganz Europa gleichermaßen befallen hatte. Wer hat da das Recht, den Deutschen etwas vorzuwerfen?

 Das „Jahrhundert der Vertreibungen“

Nach der Absolution kommt der Aufbau der Opferrolle. In dem großen Raum, dessen Fußboden die begehbare Europakarte bildet, soll ein kleinerer Raum eingebaut werden. Darin befinden sich zwei Kartentische und eine große Europakarte an der Wand. Auf der ersten Karte sind „Vertreibungen bis 1933“, auf der zweiten „Vertreibungen 1933 – 1945“ und auf der dritten „Vertreibungen 1944 – 1950“ zu sehen. Da es sich um eine moderne Ausstellung handelt, soll auch alles interaktiv sein. Auf Knopfdruck kann man auf den Karten „die unterschiedlichen Bevölkerungsbewegungen, sortiert nach Volksgruppen“ sehen. Auch fordert „die Größe und Anordnung der Karten die Besucher heraus, sie gemeinsam zu betrachten und sich darüber zu verständigen, was als nächstes zu sehen sein soll“.

Was aber gibt es zu sehen?

Auf der ersten Karte („Vertreibungen bis 1933“) z.B. gewaltsame Bevölkerungsverschiebungen auf der Grundlage von Verträgen zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei 1913, den Völkermord an den Armeniern 1914/15, „Millionen Menschen, die durch den Russischen Bürgerkrieg (1918 – 1921) entwurzelt und in die Emigration getrieben wurden“ (Bürgerkrieg? Waren die Angehörigen der 18 Interventionsarmeen alle russische Bürger?), die Zwangsumsiedlung von Griechen und Türken nach dem Vertrag von Lausanne 1923.

Und: „Die mittelbaren Vertreibungen Deutscher aus der II. Polnischen Republik als Folge der neuen Grenzen nach 1918 waren bereits Vorboten der Massenvertreibungen ab 1945.“ Damit wird angedeutet, dass die Umsiedlung 1945/46 nicht Folge der NS-Verbrechen, sondern schon lange vorher geplant gewesen sei.

In der Beschreibung der zweiten Karte heißt es: „Nicht nur als Mittel, sondern als Ziel der Politik verstand das nationalsozialistische Deutschland die Vertreibung nicht-deutscher und die Ermordung ‚nicht-arischer’ Bevölkerung.“ Genannt werden:

- die Entrechtung, Deportation und Vernichtung der europäischen Juden durch „das nationalsozialistische Deutschland“

- die Vertreibung von 450.000 Polen aus Westpreußen und dem Wartheland in das besetzte „Generalgouvernement“

- die Ermordung von Sinti und Roma

- die Umsiedlung der Volksdeutschen unter dem Motto „Heim ins Reich“.

Aus der Tschechoslowakei wurde demnach niemand vertrieben (das entspricht der Darstellung der Sudetendeutschen Landsmannschaft). Und auf sowjetischem Gebiet hat offenbar nur Stalin sich Vertreibungen zuschulden kommen lassen: 900.000 Wolgadeutsche waren seine Opfer, und „1944 (wurden) die kleinen islamischen Völker asiatischer Herkunft im Nordkaukasus und die Krimtataren von Stalin aus ihren Siedlungsgebieten deportiert“. Hat denn die Wehrmacht überhaupt niemanden vertrieben, als sie 1941 über die Sowjetunion herfiel und eine Spur von Vernichtung und verbrannter Erde hinter sich her zog?

Der Inhalt der dritten Karte (1944 – 1950) lässt sich sehr kurz zusammenfassen: „Mehr als 15 Millionen Deutsche waren am Ende Opfer“ der territorialen Neuordnung Europas durch die Alliierten.

Die Darstellung der Deutschen als Opfer der „größten ethnischen Säuberung der Menschheitsgeschichte“, wie es Vertriebenenpolitiker an anderer Stelle gern formulieren, ist der eine Inhalt dieser Inszenierung, die Nivellierung aller Unterschiede der zweite. Der Holocaust wird zu einer Episode unter vielen. Und die Umsiedelung der Deutschen hat keine andere Vorgeschichte als alle anderen Vertreibungen. Mit der Vorgeschichte braucht man sich ohnehin nicht auseinanderzusetzen, denn das Motto der deutschen Opferdebatte lautet: „Vertreibungen sind immer Unrecht, egal was vorher geschah.“

Dass es sich bei dem Zentrum um ein durch und durch deutschnationales Projekt handelt, zeigt schließlich auch der – in dem Exposé sehr kurz gehaltene – Epilog am Schluss. Noch einmal wird alles unter dem Etikett eines anonymen „Jahrhunderts der Vertreibung“ in einen Topf zusammengerührt. Dann folgt die Rechtfertigung der ganzen Angelegenheit als Veranstaltung zur Förderung der Menschenrechte, speziell des „Rechtes auf die Heimat“, das die Vertriebenenverbände seit Jahrzehnten zur Begründung ihrer Ansprüche an die von ihnen so genannten „Vertreiberstaaten“ heranziehen. In der Ausstellung wollen sie dazu Video-Aufnahmen von „aktuellen Vertreibungen“ missbrauchen.

 „Es wäre das Beste ...

wenn das Vertriebenenzentrum niemals gebaut würde.“ Das gilt nicht nur für die Beziehungen zu unseren Nachbarländern, sondern auch für das politische Klima in Deutschland selbst. Der kritische Blick auf die geplante Ausführung der Dauerausstellung als Kernstück des Zentrums zeigt, dass hier sehr wohl Geschichte umgeschrieben werden soll, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz.