Martin Fochler : Verschobene Perspektiven

 

Zur Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration, Heimat“

Zit. aus: Deutsch-Tschechische Nachrichten Nr. 70, 25.1.2006

Die Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ wurde am 5. Dezember 2005 im Haus der Geschichte in Bonn eröffnet. Sie wird dort bis zum 17. April 2006 zu sehen sein und soll anschließend in Berlin und Leipzig gezeigt werden; andere Orte werden höchstwahrscheinlich folgen. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches, 207 großformatige Seiten umfassendes, reich bebildertes Begleitbuch, das eine Auseinandersetzung mit diesem medialen Ereignis auch ohne Besuch möglich macht. Das in deutlichem Unterschied zum Inhalt handwerklich solide Begleitbuch (Format 21,5 x 25,5 cm, 208 Seiten) ist erschienen beim Kerber Verlag, Bielefeld (ISBN 3-9-38025-51-4,  26,90 € )

 

 

Eine Auftragsarbeit 

 

Das Mittel der Ausstellung, zumal der offiziösen, von der öffentlichen Hand geförderten, setzt eine spezifische Kommunikation in Gang. Anders als bei einer wissenschaftlichen Veröffentlichung oder einem Buch steht am Anfang der Wille eines Sponsors, ein Thema zu „machen“. Jemand, der das Geld und die Geltung hat, kann auf diesem Wege Öffentlichkeit erzwingen. In diesem Fall ist es, beschirmt vom Bundespräsidenten, die Stiftung Haus der Geschichte (www.hdg.de) gewesen. Für die Interpretation des Ereignisses ist das bedeutsam: Es ist in Folge einer Willensbildung der politischen Organe zustande gekommen. Es ist mit politischen Absichten verbunden. Das Kuratorium besteht zu je einem Drittel aus Vertretern der Bundesregierung, des Bundestags und der Bundesländer (Organigramm unter: http://www.hdg.de/Final/images/pic1698-0.jpg). Es wäre ein Gebot der Fairness, die politischen Absichten und Strategien darzulegen, die dem Projekt vorausgingen. Stattdessen verzichtete Bundespräsident Köhler als Schirmherr sogar auf eine Rede anlässlich der Eröffnung. Er begnügte sich damit, einfach da zu sein; auf Fragen der Presse ließ das Präsidialamt verlauten, Köhler habe sich schon öfter mal zu diesem Thema geäußert. Warum dieses Thema? Warum jetzt? Warum so? In welchem Kontext? Wichtige Fragen, die auf diese Weise ziemlich kaltschnäuzig ausgeblendet werden. Eine absolut legitime, ja wegen der Eigenart des Mediums unumgänglich nötige Kritik wird so auf den Abweg der Vermutungen oder auch Unterstellungen gedrängt und gezwungen, aus dem Vorgelegten die Absichten der Sponsoren zu rekonstruieren.

Ähnlich wie in der modernen Film-  und Fernsehwelt die Auswahl der zum Drehbuch passenden Schauspielertypen ein entscheidender erster Schritt für die Publikumswirkung ist, werden die Wissenschaftler und Kulturschaffenden, die den ehrenvollen Auftrag zur Mitwirkung erhalten, zu Funktionären einer vorgegebenen Idee. Sie dürfen freilich nicht als Marionetten missverstanden werden. Sie müssen sich nach den Regeln ihrer Kunst bzw. Wissenschaft selbst verantwortlich bewegen. Wo sie in diesem Sinne patzen, sind spezielle Kritiken angebracht. Die Verantwortung für das Drehbuch darf ihnen aber nicht zugeschoben werden. 

 

 

Verzeichnet: Ein Geschichtsbild aus Biografien 

 

Ob Flucht, Vertreibung oder Umsiedlung, immer handelt es sich um eine Aktion, die – von staatswegen oder geduldet im Vorfeld staatlichen Handelns – an Individuen oder auch Familien vollzogen wird. Auf zweierlei Weise ist der Betrachter hier angesprochen: Als Mensch kann er sich mit den Betroffenen identifizieren und ihr Leid nachfühlen. Viel schwieriger kann er sich auch als Staatsbürger mit den politischen Hintergründen auseinandersetzen.

Der vom Haus der Geschichte gewählte Ansatz verschiebt den Betrachter einseitig in die Rolle des mitfühlenden Mitmenschen. Auf diesem Wege ist es möglich, sämtliche Zwangsumsiedlungen der Geschichte des letzten Jahrhunderts zu vergleichbaren Fällen zu machen.

Das führt besonders mit Blick auf die Fluchtbewegungen, die vor dem militärischen Zusammenbruch Nazideutschlands einsetzten, zu Schwierigkeiten. Zum Verständnis der damaligen Lage ist aber eins unerlässlich: sich klarzumachen, dass die Nazis überall, wo sie bei ihrer Expansion auf Siedler deutscher Nationalität stießen, auch Helfershelfer für ihre Verbrechen fanden, die einen Machtwechsel zu fürchten und allen Grund hatten, den Schauplatz ihres Tuns zu verlassen. Wer dieses Fluchtmotiv ausblendet wird die Fluchtbewegung nur noch aus der Grausamkeit der Befreier bzw. der neuen Machthaber erklären können.

Im „Begleitbuch“ wird das Thema mit dem Kapitel „Biografien deutscher Flüchtlinge und Vertriebener des Zweiten Weltkriegs“ aufgemacht. In keinem einzigen Fall wird eine Verstrickung in die Naziherrschaft als Fluchtgrund erwähnt.

Solche Fälle tauchen sonst in praktisch jeder Familienerzählung auf: „Als wir ausgesiedelt sind, war der Onkel … Großvater ... Bruder  usw. schon lange weg, der hätte ja auch nicht bleiben können …“ Oder andersherum: „Wir sind keine Flüchtlinge, wir hatten keinen Anlass zu fliehen, wir sind Ausgesiedelte.“

Die vorangestellten Biografien verfolgen wohl unbestreitbar das Ziel, die verschiedenen Facetten des geschichtlichen Ereignisses zu einer Gesamtschau aus mitmenschlicher Perspektive zusammenzufügen. Wie will der Soziologie-Professor Dr. Michael von Engelhardt die Ausblendung der geschichtlich gegebenen Fälle tiefer Verstrickung und Flucht vor dem Urteil rechtfertigen? Vielleicht dadurch, dass auf den folgenden Seiten und von anderen Autoren auf die Verbrechen der Nazis durchaus eingegangen wird? Tatsächlich werden jene Hinweise durch dieses Eingangsszenario aus Biografien politisch Indifferenter restlos entschärft.

 

Ein echt deutscher Irrtum 

 

Im Kapitel „Vorgeschichte“ gibt K. Erik Franzen vom Collegium Carolinum auf dem Umweg einer Darstellung der Verhältnisse in der Tschechoslowakei eine Darstellung des Habsburgerreiches:

„In der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit fanden sich die Deutsch-Böhmen in einer ungewohnten Rolle wieder. Nachdem sie im untergegangenen Habsburgerreich Teil der deutschsprachigen Mehrheit gewesen waren, hatte sich nun ihre Stellung radikal verändert: Im neuen Staat waren sie neben den Staatsvölkern der Tschechen und Slowaken nur noch eine Minderheit – wenn auch mit 3,5 Millionen (ca. 23 Prozent der Gesamtbevölkerung), die zumeist in überwiegend deutschsprachigen Grenzregionen Böhmens wohnten, eine sehr starke Minderheit.“ (S. 33)

Die Menschen, die in Österreich-Ungarn als Deutsche gezählt wurden, machten unter einem Viertel der Gesamtbevölkerung aus (vgl. Anhang). Sie hatten im Staatsbau allerdings eine beherrschende Stellung, so dass die Habsburgerherrschaft in vielen Teilen des Reichs als undemokratischer, elitärer Nationalismus empfunden wurde, der zu einer Demokratisierung nicht bereit sein würde, gerade weil die beherrschende Stellung des Deutschtums in einer demokratisierten Donaumonarchie nicht zu halten gewesen wäre. Diese Vermutung der Demokratiefeindlichkeit wurde durch die Politik der Monarchie bis hin zum Ersten Weltkrieg belegt. Nach dem Ende des Mordens war glasklar, dass die fällige Demokratisierung nicht im politischen Rahmen der Donaumonarchie möglich sein würde. Das Habsburgerreich zerfiel, es entstanden Nachfolgestaaten, unter anderen die demokratisch verfasste Tschechoslowakei. 

Die unbedachte oder wohlüberlegte, jedenfalls falsche Behauptung einer deutschsprachigen „Mehrheit“ im Habsburgerreich verknüpft jene düstere Einrichtung mit der Vorstellung von Demokratie, indem die Begriffe „Herrschaft“ und „Mehrheit“ vertauscht werden.

  

 

Zurück zur Methode „offiziöse Ausstellung“ 

 

Die offiziöse Ausstellung ist im Meinungsbildungsprozess der BRD eine Art Kultereignis. Der hohe Rang der Sponsoren, das weite Feld der angesprochenen Wissenschaftler, die vermutete Seriosität der Darstellung, die Verbindung von Fachwissenschaft und breiter Öffentlichkeit, die damit hergestellt wird – man kann schon behaupten, dass dieses Medium gebraucht wird, um Maßstäbe zu setzen.

Nicht zu unterschätzen ist die Rückwirkung auf den wissenschaftlichen Bereich, denn Wissenschaftler müssen Anträge auf Forschungsmittel schreiben und sind, wenn sie ihre Segel stellen, glücklich zu erfahren, woher der Wind weht.

Eine starke Orientierung liefert das Medium auch in den Bereich der Erziehung in Schule und Hochschule, besonders für die Lehrkräfte.

Schließlich ist die Wirkung im Bereich der politischen Meinungsbildung auf keinen Fall zu unterschätzen. Es wird auf diesem Wege ein Parkett von „Tatsachen“ gelegt, auf dem sich alle bewegen und ihre Meinungsverschiedenheiten austragen.

Unter solchen Gesichtspunkten darf man die gezeigten beiden Fälle an methodischer Verzeichnung (Auswahl der Biografien) und kategorial falscher Fassung von Basisinformationen (deutsche Mehrheit in Österreich-Ungarn) nicht als Kleinigkeiten ad acta legen. 

 

 

Anhang: vgl. Wikipedia:

Die Nationalitäten Österreich-Ungarns 1910

Nationalität

Absolutzahl

Prozent

Deutsche

12.006.521

23,36

Ungarn

10.056.315

19,57

Tschechen

6.442.133

12,54

Polen

4.976.804

9,68

Serben und Kroaten

4.380.891

8,52

Ruthenen (Ukrainer)

3.997.831

7,78

Rumänen

3.224.147

6,27

Slowaken

1.967.970

3,83

Slowenen

1.255.620

2,44

Italiener

768.422

1,50

Sonstige

2.313.569

4,51

Insgesamt

51.390.223

100,00

Karte mit Bevölkerungsverteilung aus dem Jahr 1911

23.36 Prozent sind nicht die Mehrheit.