Erzwungene Wege:
eine Ausstellung der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen
Eva Hahn und Hans Henning Hahn
 


Mit der 2006 in Berlin eröffneten Ausstellung Erzwungene Wege versucht die Stiftung des Bundes der Vertriebenen ihre Salonsfähigkeit unter Beweis zu stellen (http://www.z-g-v.de/aktuelles/?id=502). Zahlreiche deutsche Journalisten und Politiker bescheinigten ihr die angestrebte political correctness, wie etwa die CDU/CSU Bundestagsfraktion:

„Die Ausstellung ‚Erzwungene Wege: Flucht und Vertreibungen im Europa des 20. Jahrhunderts‘ ist durch die Art ihrer Darstellung eine ausgezeichnete Visitenkarte für ein ‚Zentrum gegen Vertreibungen‘ in Berlin. Sie stellt sehr abgewogen und exemplarisch die Vertreibungsschicksale von rund einem Dutzend Volksgruppen und von Vertreibungsereignissen im Europa des 20. Jahrhunderts in ihrem jeweiligen historischen Kontext dar.
Die Ausstellung straft dabei alle voreiligen Kritiker Lügen, die seit Jahren versuchen, die Stiftung ‚Zentrum gegen Vertreibungen‘ in eine einseitige nationale Ecke zu drängen und die gegen die Errichtung eines ‚Zentrums gegen Vertreibungen‘ in Berlin polemisieren.“ (http://www.cdu.de/archiv/2370_17278.htm)

Für einen historisch informierten Besucher bleiben aber viele Fragen offen. Man muß kein ‚voreiliger Kritiker‘ sein und die Stiftung ‚in eine einseitige nationale Ecke zu drängen‘ versuchen, um Bedenken gegen die historische Konzeption dieser Ausstellung zu äußern. Selbstverständlich bleibt es der deutschen Gesellschaft und ihren Politikern überlassen, ob sie die hier entworfene historische Interpretation als Grundlage für eine nationale Gedenkstätte bedenkenlos übernehmen werden oder nicht, schließlich ist es jeder Nation vorbehalten, ihre eigenen ‚Visitenkarten‘ selbst zu gestalten. Für die wohlwohlenden Besucher bietet die Ausstellung jedoch viele Gründe zum kritischen Nachdenken.

Zum ersten stellt sich die Frage, warum sich die Stiftung des Bundes der Vertriebenen nicht um eine Ausstellung bemüht, die die Geschichte seiner Mitglieder Bundes zeigen würde, bevor sie sie mit vielerlei historischen Vorgängern aus entfernten Regionen zwischen der Türkei und Tschechien zu vergleichen versucht. Die Wege der Vertriebenen nach Deutschland in seinen Nachkriegsgrenzen waren schwer und vielfältig, und es ist bedauerlich, daß sie bis heute in Deutschland kaum bekannt sind. Die gängigen auch hier propagierten Bilder der ‚Flucht und Vertreibung‘ werden ihnen nicht gerecht. Die Wege der in Deutschland als Vertriebene bezeichneten Menschen waren komplizierter, als in dieser Ausstellung gezeigt wird.

Vielen Deutschen ist es heute beispielsweise nicht einmal bekannt, daß rund die Hälfte aller Vertriebenen schon vor dem Kriegsende durch die NS-Behörden umgesiedelt oder zwangsevakuiert wurden; vielen ist es nicht bewußt, daß die schlimmsten Leiden der Vertriebenen durch die wahsinnige Evakuierungen der deutschen Zivilbevölkerung durch das NS-Regime zwischen August 1944 und 8. Mai 1945 verursacht worden sind; vielen Menschen in Deutschland ist es kaum bewußt, daß jene humanitäre Katastrophe, die das NS-Regime in den östlichen Teilen seines Großdeutschen Reiches hinterlassen hatte, von den alliierten Besatzungsarmeen in Zusammenarbeit mit den sich erst nach dem Kriegsende konstituierenden polnischen und tschechoslowakischen Verwaltungsbehören in den ersten Nachkriegsmonaten nach und nach bewältigt - und nicht verursacht - wurde. Jener Chaos, den das NS-Regime vor allem in den im Frühjahr 1945 verwaltungslos gebliebenen Teilen entlang der neuen deutschen Ostgrenze hinterlassen hatte, hatte Hunger, Willkür und Gewaltausbrüche mitverursacht, die bis heute und auch in dieser Ausstellung bedenkenlos mit dem Schlagwort ‚wilde Vertreibungen‘ belegt und den Polen und Tschechen als ihren Verursachern angelastet werden. Es ist heute auch noch gar nicht bekannt, wie viele Deutsche sich damals in den östlichen Teilen des Großdeutschen Reiches tatsächlich nichts zu Schulden kommen ließe und wieviele von ihnen auf sich im Dienst dem NS-Regime Schuld geladen hatten und einfach flüchteten, um der gerechten Strafe zu entkommen. Man spricht auch in dieser Ausstellung von ‚Flucht und Vertreibung‘ ohne jede Auskunft darüber zu bieten, wie viele Deutsche damals flüchteten, wieviele den NS-Räumungsbefehlen folge leisteten, wieviele von wem wo vertrieben und wie vielen von den Alliierten umgesiedelt wurden. Erst wenn die Ausstellung alle solche Informationen bieten würde, könnten sich ihre Besucher ein angemessenes Bild über die als Vertreibung der Deutschen bezeichneten historischen Ereignisse machen, und erst danach wären Vergleiche mit anderen ähnlich anmutenden Ereignissen sinnvoll.

Das hier präsentierte Bild der Geschichte der deutschen Vertriebenen ist oberflächig. Es scheint von der Bemühungen geprägt zu sein, mehr zu vernebeln als zu erläutern. Es fehlen konkrete Informationen über konkrete Vorgänge. Es finden sich keinerlei Hinweise darauf, welch zentrale Rolle die deutschen Minderheiten in der Tschechoslowakei und in Polen auf dem Weg Großbritanniens und Frankreichs zur Erklärung des Krieges gegen Deutschland - und damit bei der Entstehung des Zweiten Weltkriegs - spielten. Es finden sich aber auch schlichte faktograpische Fehlangaben, etwa wenn es heißt: „Im März 1939 annektierte Deutschland die Tschechoslowakei und errichtete das ‚Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“. Es werden propagandistische Slogans des NS-Regimes ohne als solche gekennzeichnet zu sein verwendet; so wird etwa behauptet, daß die Angst vor der Roten Armee eine Massenflucht auslöste, und dabei werden Schicksale der Zwanksevakuierten Deutschen mitbehandelt, wie wenn diese Menschen freiwillig geflüchtet wären; die Maßnahmen der NS-Behörden gegen die Unwilligen werden nicht einmal erwähnt. Wenn das Wort „Räumungsbefehl“ zwischen durch auftaucht, wird es nicht erläutert. Es finden sich keine Informationen darüber, warum die Alliierten beschloßen hatten, die deutsche Bevölkerung aus Polen, aus der Tschechoslowakei und aus Ungarn umzusiedeln, und warum diese in den Potsdamer Vereinbarungen gemeinsam zum Ausdruck gebrachte Entscheidung der USA, Großbritanniens und der UdSSR als geltender Bestandteil der im Zuge des Zweiten Weltkriegs getroffenen deutschlandpolitischen Maßnahmen weltweit anerkannt wird. Zur Verständigung, Versöhnung und zum künftigen Frieden in Europa werden derart unkorrekte und unvollständige Geschichtsbilder und Informationen keineswegs beitragen. Vielmehr können sie nicht anders, als weitere belastende Mißverständnisse zu stiften. Das Gedenken an die deutschen Vertriebenen und ihre Leidenswege würde es verdienen, daß der BdV die deutsche Öffentlichkeit endlich mit sorgfältigeren Informationen über die Geschichte seiner Mitglieder bekannt macht. Es erübrigt sich, auf die ähnlich oberflächigen Zerrbilder aus der Geschichte allerlei anderen Nationen einzugehen, die in dieser Ausstellung zusätzlich präsentiert werden.

Zum zweiten ist das hier gebotene Bild des Nationalsozialismus milde gesagt äußerst bedenklich. Es verharmlost den Nationalsozialismus. Daß die Nazis die Juden als eine ‚fremde und gefährliche Rasse‘ zunächst nur in Deutschland verfolgten und aus dem öffentlichen Leben verdrängten, ist allgemein bekannt, aber warum die einmalig brutale antijüdische NS-Politik in dieser Ausstellung als „Germanisierungspolitik der Nationalsozialisten“ verharmlost wird, ist schwer zu sagen. Möglicherweise meinen die Autoren tatsächlich heute noch, daß es sich um eine „Germanisierung“ des öffentlichen Lebens in Deutschland handelte, weil sie deutsche Juden nach wie vor für ‚undeutsch‘ oder für eine andere ‚Rasse‘ als die Deutschen halten. Vielleicht wollten sie aber nur das NS-Regime in einer Form, die in das Konzept der Ausstellung passte: als ein Regime, das sich um ethnische Homogenisierung des eigenen Nationalstaates bemühte. Dafür spräche auch das Verschweigen der nationalsozialistischen Expansionspolitik, infolge der die deutschen Minderheiten aus Osteuropa keineswegs zugunsten einer ethnischen Homogenisierung des eigenen Nationalstaats, sondern zur Neubesiedlung der eroberten Gebiete instrumentalisiert wurden. Die Geschichte und die spezifische Form des nationalsozialistischen Antisemitismus werden hier ebenso unterschlagen, wie dessen Bemühung, im östlichen Europa ein deutsches Kolonialimperium aufzubauen, wie es Hitler schon in seinem Opus Mein Kampf entworfen hatte. Vielemehr wird hier ein Bild des NS-Reiches propagiert, daß von den gleichen Gedanken geleitet worden sei, wie alle anderen europäischen Nationalstaaten. Ein solches Bild widerspricht allen Erfahrungen der Europäer ebenso, wie ihren Erinnerungen und historischen Studien, mit Ausnahme jenes rechtsradikalen Revisionismus, der der berüchtigten Darstellung des Zweiten Weltkriegs von David Leslie Hoggan mit dem Titel Der erzwungene Krieg (Tübingen 1961) huldigt und die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg nicht Deutschland, sondern England und Polen zuschreibt. In der Ausstellung selbst wird die Verantwortung des NS-Regimes für den Krieg nicht geleugnet, aber darüber, ob der Titel Erzwungene Wege nur zufällig dem Titel des Buches von David Hoggan ähnelt, müßte man sorgfälltig nachdenken. Immerhin wird hier ein verzerrtes und verharmlosendes Geschichtsbild des Nationalsozialismus präsentiert, trotz aller Bemühung, NS-Verbrechen nicht zu verschweigen.

Drittens fällt auf, daß die Ausstellung jene historische Grundthese, auf der sie beruht, nicht zu beweisen vermochte. Dabei geht es um die folgende Behauptung: „Die Umsetzung der Idee eines ethnisch homogänen Nationalstaates ist eine der Hauptursachen für Vertreibung ethnischer Gruppen und Minderheiten im 20. Jahrhundert. Rassismus und Antisemitismus waren neben dem Nationalismus weitere Antriebskräfte für Vertreibung und Vernichtung.“ Nirgends in des gesamten Ausstellung wird aber der Versuch unternommen, diese Aussage zu beweisen. Es werden überhaupt keine Beweise dafür vorgelegt, daß die verantwortlichen Entscheidungsträger in den hier behandelten Beispielen mit den ihnen hier unterstellten Absichten handelten, und es wäre auch müßig sich vorzustellen, daß etwa osmanische oder sowjetische Politiker in ihren jeweiligen ausgeprägt multinationalen Staaten ‚ethnische Homogenisierung‘ angestrebt hätten. Daß der schrecklichen Vertreibung der Armenier aus Anatolien oder der Umsiedlung der Deutschen in der Sowjetunion kriegspolitische Entscheidungen zugrundelagen, begreift in dieser Ausstellung nur ein wohlinformierte Besucher  die meisten werden den Eindruck gewinnen, als wären die Verantwortlichen einer bloßen Wahnidee gefolgt, so ähnlich wie Hitler gegenüber den Juden.

Die auffallende Gemeinsamkeit der hier vorgestellten Beispiele bildet aber der Krieg als ihr Hintergrund, vor dem sie sich abgespielt haben. Mit Ausnahme des NS-Deutschland werden hier nämlich nur solche Beispiele vorgestellt, wo es zur Flucht, Vertreibungen und Umsiedlungen in Folge von Kriegen gekommen war und in den betroffenen Staaten Ausnahmezustände herrschten. Nur das NS-Deutschland wird hier als der einzige europäische Nationalstaat vorgestellt, der im Frieden eine seiner Bevölkerungsgruppen - die Juden -  ‚vertrieben‘ habe. Beweise dafür, daß etwa die Alliierten während und nach dem Zweiten Weltkrieg die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung deshalb in Betracht gezogen und verwirklich hatten, weil sie sich „der Idee eines ethnisch homogänen Nationalstaates“ verschrieben hätten, werden keine präsentiert. Auf die geteilte Begründung der Alliierten, diese Umsiedlung als eine friedenstiftende Maßnahme in Betracht zu ziehen, wird hier nicht eingegangen. Es wird auch kein Versuch unterenommen, den offensichtlichen Zusammenhang der Umssiedlungsentscheidungen der Alliierten mit ihren Kriegserfahrungen herzustellen, so daß die oben zitierte unbewiesen Grundthese dieser Ausstellung als nicht nur eine hohle dogmatische, sondern auch als eine durch die Ausstellung selbst widerlegte historische Behauptung zu beurteilen ist.

Man könnte meinen, daß es sich hier um einen vage formulierten Satz handelt und auch die Frage stellen, wie dieser Satz überhaupt mit einer Ausstellung über Erzwungene Wege zusammenhängt. Der Ausstellungstitel ließe vermuten, daß hier verschiedenen Formen von ‚erzwungenen Wegen‘ in Europa des 20. Jahrhundert nachgegangen wird, d.h. daß hier allerlei Formen von Zwangsmigration in Europa des 20. Jahrhundert vorgestellt werden. In einem solche Falle ginge es um jene Menschen, die aus verschiedenen Gründen gezwungen waren, ihren Wohnort zu verlassen – etwa die notgezwungenen Auswanderer nach Amerika, berufsbedingt ausgewanderte Kolonialbeamte, politische Flüchtlinge oder die acht Millionen zwangsverschleppte sog. Fremsdarbeiter im nationalsozialistischen Deutschland. Auf ‚erzwungenen Wegen‘ kamen aber auch Millionenen von Häftlingen im sowjetischen Gulag nach Sibirien oder millionen von Europäern in die deutschen Konzetrations- und Vernichtungslager im besetzten Polen. Einer solchen Vielfalt von ‚erzwungenen Wegen‘ beschäftigt sich diese Ausstellung jedoch keineswegs. Wie ihre oben erwähnte Grundthese zeigt, geht es hier überhaupt nicht um Menschen auf erzwungenen Wegen im Europa des 20. Jahrhunderts.

Vielmehr geht es  wie gleich im Eingang auch nachzulesen ist  um angeblich mehr als 30 Völker, die in Europa im 20. Jahrhundert „als Ganzes oder in Teilen ihre Heimat verloren haben“. Die Ausstellungsmacher hatten nicht primär ‚erzwungene Wege‘, sondern verlorene Heimatgebiete im Auge. Diese, der alten deutschen Tradition des Volkstumsdenken verpflichtete Ausstellungsansatz richtet sich als Anklage gegen den modernen Nationalstaat, der als Antipod dem völkisch konzipierten Bild von ethnischen Gruppen und ihrem jeweiligen vermeintlichen Heimatboden gegenüber gestellt wird. Die Idee, daß eine jede Nation und eine jede nationale Minderheit ihren eigenen ‚Heimatboden‘ beanspruchen könnten, erwies sich schon einmal in der deutschen Vergangenheit als eine Idee mit verheerenden Folgen  sie lag dem sog. Volkstumskampf deutschsprachiger völkischer Organisationen im östlichen Europa im frühen 20. Jahrhundert zugrunde. Es war keine nützliche Idee, da Europa nicht aus irgendwelchen ‚völkischen Heimatteritorien‘ besteht und dementsprechend aufgeteilt werden könnte; in Europa leben bekanntlich Menschen stets in national struktuierten aber stets zugleich auch multikulturellen Gesellschaften, und nur die staatsbürgerlichen Regelungen ihres Zusammenlebens haben sich bisher als ein erfolgreiches Rezept zur Konfliktregelung erwiesen. Auf diese europäischen Erfahrungen wurde in dieser Ausstellungen überhaupt nicht eingegangen, weil sie dogmatisch auf dem Bild von Europa als einem Samelsurium von Heimatterritorien beruht, von denen manche von modernen Nationalstaaten usurpiert worden seien. Wie die Grundthese zeigt, wurde die Ausstellung nicht investigativ konzipiert, sondern als Beweisführung für eine in der deutschen Geschichte altbekannte historisch-politischen Anklage gegen moderne liberal-demokratische Staatlichkeit. Deshalb wird hier nicht zwischen den Gepflogenheiten im Umgang mit Menschen in autokratischen, demokratischen und diktatorischen Staaten oder gar selbst im NS-Deutschland unterschieden. Dementsprechend werden auch einzelne historische Vorgänge nicht sorgfälltig dargestellt, sondern nur mit flüchtig verstreuten symbolischen Erinnerungsgegenständen repräsentiert, um Gefühle der Besucher anzusprechen und ohne historische Informationen zu bieten.

Erst wenn wir begreifen, daß es sich in dieser Ausstellung nicht um Europäer auf ‚erzwungenen Wege‘ im 20. Jahrhundert handelt, sondern um die Anklage wegen vermeintlichen Verlusts von Heimatboden der einen oder anderen sog. Volksgruppe handelt, können wir verstehen, warum die hier angesprochenen Beispiele zur Präsentation auserwählt wurden: Armenier und Griechen sollen ihre Heimatgebiete in der Türkei, Türken in Griechenland, West-Karelier, Polen, Balten, Ukrainer und Rußlanddeutsche in der Sowjetunion, Italiener in Jugoslavien, Griechen und Türken auf Zypern, Serben, Kroaten und Bosnier in Jugoslawien. Nur beim Beispiel der Juden in Deutschland wird keine territoriale Angabe über den Heimatverlust gemacht, sondern allein ihre „Vertreibung aus dem öffentlichen Leben“ mitbehandelt – womit Juden wieder einmal mit einem Bild der vermeintlich heimatlosen Nomaden repräsentiert werden, die das deutsche öffentliche Leben penetriert hätten und im Zuge der ‚Germanisierung‘ vertrieben worden seien... Als die größte Opfergruppe werden hier dagegen die Deutschen präsentiert: „Flucht und Vertreibung von 12 bis 14 Millionen Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs aus den deutschen Ostgebieten und aus deutschsprachigen Regionen außerhalb Deutschlands stellten die größte Zwangsmigration in der europäischen Geschichte dar.“

Dieses ganze Geschichtsbild ist nicht neu. Es stellt nur eine neue Adaptation eines alten Szenario ehemaliger NS-Historiker aus den ersten Nachkriegsjahren dar. Sie setzten nicht nur die oben zitierte Grundthese dieser Ausstellung in die Welt, sondern auch ihre Detailschilderungen, sie vernebelten in ihren Darstellungen der Vertreibung der Deutschen die Einmaligkeit der nationalsozialistischen Ideologie und jenes Regimes, daß von ihr geleitet wurde und dementsprechend einmalige Verbrechen zu verantworten hatte. Gotthold Rhode, Theodor Schieder und Eugen Lemberg gehören zu den bekanntesten Protagonisten dieser Darstellung der NS- und Vertreibungsgeschichte, aber sie hatten in der Nachkriegszeit vor allem unter den Vertriebenen unzählige Nachahmer. Daß sich solche Nachahmer bis heute in der Bundesrepublik finden, ist bedauerlich.

Die Frage, ob solche Ausstellungen künftig zum Bestandteil von nationalen Gedenkstätten in Deutschland werden sollten, wäre einer gründlichen Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit wert. Die Tatsache, daß die Ausstellung in den deutschen Medien vorwiegend ein unkritisch lobendes Echo fand, ja daß sie sogar von einer der großen demokratischen Parteien, der CDU/CSU, für eine „ausgezeichnete Visitenkarte für ein ‚Zentrum gegen Vertreibungen‘ in Berlin“ gehalten wird, deutet darauf hin, daß selbst noch 60 Jahre nach dem Krieg in Deutschland mentalgeschichtliche Überbleibsel aus der NS-Zeit wirksam sind. Bedenklich stimmt vor allem die Tatsache, daß in der deutschen Öffentlichkeit nach wie vor das Unverständnis für die Einmaligkeit der nationalsozialistischen Politik verbreitet ist. Daher können auch die Unterschiede zwischen den deutschlandspolitischen Entscheidungen der Alliierten und der verbrecherischen Umsiedlungs- und Evakuierungsentscheidungen der NS-Behörden erkannt und verstanden werden. Die heute gängigen Verurteilungen der NS-Verbrechen in Deutschland reichen ganz offenkundig noch nicht dazu aus, die mentalgeschichtlichen Unterschiede zwischen den geistigen Grundlagen zu verstehen, die den Entscheidungen der NS-Politiker einerseits und ihrer einstiger Gegener andererseits zugrunde lagen.

Würde man diese für ‚ausgezeichnet‘ gehaltene Visistenkarte für das Zentrum gegen Vertreibungen tatsächlich zum Bestandteil einer künftigen nationalen Gedenkstätte machen, würde man weitere nachwachsende Generationen in Deutschland neu adaptierten Geschichtsbildern aussetzen, die von längst verstorbenen ehemaligen NS-Historikern konstruiert wurden, und das wäre sicherlich für die deutsche Nation bedauerlich. Vielen Deutschen sind solche Kontinuitäten nicht mehr bekannt und bewußt, so daß diese Ausstellung zumindest dafür begrüßt werden könnte, daß Anlaß zu einer neuen Debatte darüber bietet. Viele deutsche Demokraten haben sich um eine solche Debatte schon in der Nachkriegszeit bemüht.

So berichtete etwa der bekannte Philosoph und Pädagoge, Friedrich Wilhelm Foerster, schon im Jahre 1953 über Schwierigkeiten im deutschen Erinnern an die Vertreibung:

„Man betrachte den ratlosen und hilflosen Geisteszustand der aus Osteuropa vertriebenen deutschen Bevölkerungen. Nichts wäre doch wichtiger, als ihnen eine klare Vorstellung der wahren Ursachen ihres höchst bedauernswerten Elends zu geben, so daß wenigstens ihre junge Generation dazu beitragen könnte, daß die falsch gelösten Probleme nunmehr richtig gelöst und ungeheuere Irrtümer repariert werden. Statt dessen sind diese Unglücklichen der deutschen nationalistischen Hetzpropaganda zum Opfer gefallen, deren Wortführern selber jede Kenntnis der wahren Ursächlichkeiten fehlt. Dies ist umso beklagenswerter, als unter den Ostflüchtlingen selber viel richtige Einsicht in Bezug auf die wahren Zusammenhänge vorhanden ist.“ (Friedrich Wilhelm Foerster: Erlebte Weltgeschichte 1869-1953. Memoiren, Nürnberg 1953, S. 177)

Der Einsicht, daß die Vertreibung die Folge des Nationalsozialismus gewesen sei, begegnete Foerster häufig. Schon damals haben viele Vertriebenen verstanden, ‚daß wir das alles Hitler verdanken‘, wie Foerster berichtete. Aber er beobachtete auch schon damals, daß die Einsicht in den zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Nationalsozialismus und der Vertreibung nicht ausreichend sei; ja nicht einmal das Wissen um die NS-Verbrechen reiche aus, um die ursächlichen Zusammenhänge zu verstehen:

„Natürlich mußten sie das wissen, denn sie hatten ja fünf Jahre lang mit eigenen Augen gesehen, wie die tschechischen und polnischen Bevölkerungen von den eingedrungenen Deutschen behandelt und ausgeplündert worden waren; also ist es klar, daß alle diejenigen, die noch einen unverdorbenen Sinn für Wahrheit haben, in Bezug auf die Ursachen ihres Schicksals durchaus auf der richtigen Fährte waren. Aber natürlich, diese Erkenntnis ist noch keineswegs ausreichend; denn Hitler selber war ja nur der letzte und konsequenteste Wortführer und Ausführer einer völlig verkehrten deutschen Ostpolitik. Gerade dies aber muß jetzt im Interesse einer durchgreifenden politischen und geschichtlichen Neuorientierung der jungen deutschen Generation bis auf den Grund klargelegt werden.“ (Friedrich Wilhelm Foerster: Erlebte Weltgeschichte 1869-1953. Memoiren, Nürnberg 1953, S. 177)

Die von Foerster im Jahre 1953 herbeigesehnte ‚Neuorientierung‘ ging nicht so weit, um auch bei der Suche nach den Ursachen der Vertreibung zu helfen. So wie damals, so sehen bis heute viele Deutsche nicht mehr, als die NS-Verbrechen, wenn sie über den Zusammenhang zwischen der deutschen Geschichte und der Vertreibung nachdenken, prangern die von der Roten Armee sowie von Angehörigen der befreiten Nationen im östlichen Europa in den ersten Nachkriegsmonaten verübten Verbrechen und geben sich bei der Suche nach den Ursachen der Vertreibung mit Beweisführungen für die althergebrachten Vorurteile gegenüber den ehemaligen Gegnern des nationalsozialistischen Deutschlands zufrieden. Die Anregung von Friedrich Wilhelm Foerster, sich an jene mentalgeschlichtliche und kulturhistorische Traditionen zu erinnern, in denen die nationalsozialistische Ostpolitik verankert war und deren Opfer auch Millionen Deutsche im östlichen Europa geworden sind, wurde bisher kaum aufgenommen. Ohne solche Kenntnisse - die in der Ausstellung Erzwungene Wege vollkommen fehlen - wird sich die Kluft, die der Nationalsozialismus zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn hinterlassen hatte, nicht überbrücken lassen. Die Ausstellung leistet deshalb keinen guten Beitrag zum deutschen und gesamteuropäischen Gedächtnis an die Flucht und Vertreibung, wie es ihre Organisatoren versprochen hatten; geradezu im Gegenteil. Sie vertieft die zuwachsenden Graben mit neuer Wucht, weil sie alte Geschichtsbilder ehemaliger Nazis aus der Nachkriegszeit im neuen Gewand und keine wohlbegründete historische Informationen bietet.

© Eva Hahn und Hans Henning Hahn