Über die beliebtesten Leitfiguren der tschechischen Nation

 

Die These von der vermeintlich auf ethnischen Wertvorstellungen konstruierten tschechischen nationalen Identität wurde nun mit aller Deutlichkeit widerlegt. Auch in Tschechien wurden nach dem neuesten Europa-Vorbild in einem groß angelegten Gesellschaftsspiel und mit Hilfe des Fernsehens die beliebtesten Leitfiguren der Nation benannt, und für die deutsche Öffentlichkeit dürfte dabei manch eine Überraschung herausgekommen sein.

Vor allem betrifft es das gegenwärtige Lieblingsthema der deutschsprachigen Publizistik – den sogenannten Beneš-Kult; noch am 23. Mai 2005 berichtete nämlich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ausführlich über einen Beneš-Kult in Tschechien, der einer „nationalen Selbstvergewisserung“ dienen solle: „Der Beneš-Kult empört zwar die Vertriebenen und viele andere in Deutschland, in Österreich, in Ungarn und in der Tschechischen Republik, ist aber längst zu einem festen Bestandteil der tschechischen Geschichtspolitik geworden.“ Die österreichische Wochenzeitung „Sudetenpost“ brachte sogar ihre Empörung über eine „Benešwahnidee“ zum Ausdruck, die sich in der Tschechischen Republik breit mache und hinter der „eine Gruppe – zum Teil finanzkräftiger – Fanatikern wie dem Besitzer des Krumauer Hotels ‚Rose’, Jan Horal, steht“ (27.5.2005). Von einem Beneš-Kult kann künftig wohl keine Rede mehr sein, denn der umstrittene tschechoslowakische Staatsmann Edvard Beneš endete am Platz 22 und qualifizierte sich damit nicht einmal für das Finale der zehn beliebtesten Persönlichkeiten.

Ebensowenig finden sich Anzeichen für eine Verhaftung in der vermeintlich kommunistisch-nationalistischen mentalen Welt, die der tschechischen Gesellschaft in Deutschland immer wieder vorgeworfen wird. Im Unterschied zu der ähnlichen Abstimmung über den „besten Deutschen“, wo Karl Marx unlängst den dritten Platz besetzte, scheinen  die Tschechen den ideologischen Repräsentanten der kürzlich verabschiedeten kommunistischen Regime keineswegs zu huldigen; keiner der zehn populärsten Tschechen kann auch nur annährend so nahe Verbindungen zum Erbe des Kommunismus aufweisen wie Karl Marx. Bestätigt hat sich aber auch nicht die Diagnose des bekannten deutschen Zeithistorikers Arnulf Baring, die tschechische Gesellschaft zeichne sich durch „ein Ausmaß an nationaler Hysterie, wie wir es von keinem anderen Nachbarstaat kennen“, aus (Die Welt 18.5.2002); manch eine der tschechischen Lieblingsfiguren erfreut sich nämlich nicht nur großer Sympathien auch in der deutschen Gesellschaft und manch eine würde sich sogar nach den Kriterien der traditionellen deutsch-völkischen Kaderpolitik für die Zulassung zur Herrenrasse qualifizieren....  

Arnulf Baring glaubt weiterhin, „dass die Tschechen 1938, 1948 und 1968 einen Aderlaß an politischer und intellektueller Kompetenz zu beklagen hatten, der zu einer unzulänglichen Führungsausstattung der politischen Parteien geführt hat“ und sie deshalb Opfer einer „nachgerade erschreckende nationale Erregung“ seien. Auch dagegen sprechen die Ergebnisse dieser neuesten populären Umfrage eindeutig. Unter den zehn populärsten Figuren sind Persönlichkeiten, die viel mehr auf ein multikulturelles und in der gesamteuropäischen Geschichte tief verankertes nationales Selbstbewußtsein schließen lassen. Dafür sprechen sowohl die Ergebnisse wie auch die humorvoll-spötischen Kommentare vieler tschechischer Intellektueller, die das ganze Spiel von Anfang an in den tschechischen Medien begleiteten. 

Die Schriftstellerin Božena Němcová endete im Finale der zehn beliebtesten Tschechen an der letzten Stelle. Von deren adlig-österreichischen Vorfahren schwärmen zwar viele deutschsprachige Literarhistoriker, die Tschechen betonen aber viel lieber ihre Schönheit als Frau, erinnern an ihre Märchen und sehen in ihrer Lebensgeschichte ein Vorbild für eine nachahmenswert unverkrampfte Art, sich als Frau selbst durch ihr eigenes Tun zu emanzipieren. Der Schriftsteller Karel Čapek, der Komponist Antonín Dvořák und der Humorist und Schauspieler Jan Werich besetzten den 9., 8. und 6. Platz, und mit Václav Havel auf Platz drei plazierte sich erfolgreich der einzige lebende Tscheche unter den zehn Finalisten. Die andere Hälfte der zehn beliebtesten Tschechen weisen auf ein ausgeprägt weit zurückreichendes und gesamteuropäisches historisches Bewußtsein hin. 

Der siegreiche Feldherr der hussitischen Abwehrkämpfer, die ihr Land gegen die päpstlich-kaiserlichen Kreuzzüge im 15. Jahrhundert erfolgreich zu schützen vermochten, Jan Žižka, besetzte den fünften Platz. Im historischen Bewußtsein der Tschechen steht er für listenreiches kriegerisches Heldentum. Seitdem, und vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als große Teile der Welt und vor allem die deutschen Nachbarn den heroischen Attitüden huldigten, hat die tschechische Gesellschaft längst die Sinnlosigkeit aller kriegerischen Auseinandersetzungen eingesehen, wie es Jaroslav Hašek in seinem heute weltberühmten Roman über den braven Soldaten Švejk zum Ausdruck brachte. Für die frühzeitige Einsicht, daß politische Konflikte nicht mit Waffengewalt zu lösen seien, werden die Tschechen zwar von ihren Nachbarn bis heute als Feiglinge und Drückerberge gescholten, aber ihre nach wie vor lebendige und umstrittene Erinnerung an Jan Žižka vermochte ihnen sowohl genügend Selbstbewußtsein zu geben, um den deutschen Vorwürfen mit stoischer Ruhe zu begegnen, als auch die wenigen tschechischen  Kampflustigen zu pazifizieren, die sich vielleicht nach den Vorbildern ihrer Nachbarn hier und da zu kämpferischen Tönen verleiten lassen würden.  

Jedem Beobachter auch ohne tschechische Sprachkenntnisse, ohne historische Spezialbildung und sogar ohne besondere Leselust werden die Ergebnisse dieses modernen Gesellschaftsspiel nun endlich in aller Anschaulichkeit vermitteln können, daß sich Männer des Wortes und staatsmännischer Klugheit in der tschechischen Gesellschaft der größten Beliebtheit erfreuen, ob sie tschechischer Abstammung waren oder nicht, ob sie sich der tschechischen Sprache bedienten oder nicht, ob sie ‚daheim’ wirkten oder im Ausland.  

Der Begründer jener hussitischen Reformation, Jan Hus, landete zwar erst auf Platz sieben, zwei Stufen hinter ihrem Feldherr Žižka, aber seine berühmten Mahnungen, daß es nicht auf die Nationalität, sondern auf die Charaktereigenschaften eines jeden Menschen ankomme, scheinen sich in Tschechien nach wie vor einer beachtenswerten Popularität zu erfreuen. Jan Hus wurde 1415 in Konstanz als Ketzer verbrannt, aber er war nicht der einzige der zehn Finalisten, dessen Überreste nicht in heimatlichen Erde ruhen durften. Auch Jan Amos Komenský, der als Comenius weltbekannte Schriftsteller und Pädagoge aus dem 17. Jahrhundert, mußte im Ausland sterben, ohne in seinem Land vergessen zu werden: heute steht Comenius an vierter Stelle unter den populärsten Tschechen. Er wird eher wegen seines universalistischen humanistischen Credo celebriert, als wegen seines lebenslang engagierten böhmischen Patriotismus. Der 1670 in Amsterdam verstorbene böhmische Emigrant gilt europaweit als der Begründer der modernen Pädagogik, der „auf die gesamte moderne Bildung durch seinen edlen, weitherzigen Humanitätsbegriff“ Einfluß ausübte, wie schon im Meyers großem Konversationslexikon von 1905 nachzulesen war. Sein 1658 in Nürnberg herausgegebenes Werk „Orbis sensualium pictus“ wurde immer wieder neu aufgelegt und gilt bis heute als Klassiker des modernen Fremdsprachenunterricht. Die pädagogischen Grundsätze und Methoden von Comenius sowie sein Entwurf für den Aufbau eines Schulsystems wirken bis in unsere Zeit inspirierend, ebenso wie seine Forderung nach einer allgemeinen Schulpflicht für Jungen und Mädchen bis heute nicht an Aktualität verloren hat. Als Nationalist kann Comenius sicherlich nicht bezeichnet werden; beklagt hat sich nur manch ein tschechischer Kommentator darüber, ob man ausgerechnet jenen Man ehren solle, dessen Ideen alle Kinder dazu verurteile, ihre Spielplätze mit der Schulbank zu vertauschen.... 

Die ersten drei unter den heute beliebtesten Tschechen haben sich in die Annalen der böhmischen Geschichte durch ihre Verdienste um das Wohlergehen der altehrwürdigen böhmischen Kronländer eingetragen. Der dritte von ihnen, Václav Havel, wird als Symbol der Befreiung von der kommunistischen Diktatur in die Geschichtsbücher eingehen, der zweite, Tomáš G. Masaryk, als Schöpfer der wiedergewonnen staatlichen Unabhängigkeit der tschechischen Nation während des Ersten Weltkriegs. Keinem von beiden pflegen deutsche Autoren so Schlimmes vorzuwerfen wie Edvard Beneš, obgleich es bisher nie so ganz klar erkennbar ist, womit genau diese beiden Staatsmänner im Unterschied zu Beneš die Sympathien Deutschlands erworben haben. Havel pflegt man nachzusagen, daß er die Gewalttaten gegen viele deutsche Zivilisten in der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg bedauere, und bei Masaryk wird unermüdlich wiederholt, er habe eine deutsche Mutter und einen slowakischen Vater gehabt, als ob dies eine biographisch wichtigere Information wäre als die meist kurz gehaltenen Auskünfte über sein lebenslanges Engagement zugunsten demokratisch humanistischer Ideale. Deshalb verstehen in Deutschland bis heute nur wenige, warum die Tschechen Masaryk und Havel eigentlich schätzen. 

Das überraschendste für viele Beobachter in Deutschland dürfte jedoch der Sieger sein – zum beliebtesten Tschechen wurde nämlich der römische Kaiser und böhmische König Karl IV. gekürt, den auch die Deutschen zu den bedeutenden Persönlichkeit ihrer Geschichte zu zählen pflegen. Die Beliebtheit Karls IV. (1316-1378) dürfte wohl allem anderen als einem vermeintlichen engstirnigen ethnischen tschechischen Nationalismus zuzuschreiben sein. Schließlich hat sich der nach seinen přemyslidschen Vorfahren als Václav getaufte Sohn der böhmischen Königstochter Elisabeth und ihres Ehemanns Johann von Luxemburg als Herrscher des Heiligen Römischen Reiches nach den fränkischen Karolingern genannt, und die zählten schon immer zu den bekanntesten Stiftern auch der deutschen und französischen Identität.   

Der in Tschechien als „Vater des Vaterlandes“ bekannte böhmisch-luxemburgische Herrscher erfreut sich großer Popularität, weil er mehr all jedes andere böhmische Staatsoberhaupt die heute populäre Europa-Idee verkörpert. Böse Zungen behaupten allerdings, daß die Deutschen die für sie traumatische Erfahrung der böhmisch-luxemburgischen Umklammerung bis heute nicht überwunden hätten und daß sie deshalb bis heute sich und anderen einzureden versuchen, der am französischen Hof erzogene böhmisch-luxemburgische Monarch sei ein Deutscher, die von ihm in Prag gegründete Universität sei eine deutsche Universität gewesen, und daß jene Steine, aus denen all die spätgotischen architektonischen Kostbarkeiten, die Karl IV. Prag hinterließ, gebaut wurden, „deutsch sprechen“, wie es seiner Zeit z. B. der berüchtigte Henker Karl Hermann Frank zu formulieren pflegte. So wie Karl IV., so glauben auch die Tschechen von heute, daß Europa größer und vielfältiger sei als es das Karolingische und später das Heilige Römische Reich gewesen sind, und so sehen sie keinen Widerspruch zwischen einer gesamteuropäischen Integration einerseits und der böhmischen, deutschen oder luxemburgischen Nationalstaatlichkeit andererseits. Deshalb kümmern sie sich auch nicht mehr um die traditionellen deutschnationalen Gesänge über all das, was irgendwann mal deutsch gewesen sein soll. 

In Tschechien hat das moderne Gesellschaftsspiel „Wer ist der größte Tscheche“ jedenfalls die Aufgabe erfüllt, die ihm vom Tschechischen Fernsehen zugeschrieben wurde: „eine Diskussion über die Persönlichkeiten unserer Geschichte und unserer Gegenwart, über ihre Bedeutung für die Gesellschaft, über jene Wertvorstellungen, zu denen wir uns bekennen“ in den Gang zu setzen. Wenn auch in Deutschland die Ergebnisse zu einer Diskussion über die überlieferten Tschechen-Stereotypen beitragen würden, könnte man sogar von einem amüsanten und nützlichen Beitrag auf dem Weg zu einer besseren Zukunft Europas sprechen.

© Eva Hahn und Hans Henning Hahn