Rolf Badstübner in Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 2/2012, S. 195-197

über Eva Hahn / Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte, Paderborn u. a. 2010

Die Darstellung mit ihrer überzeugenden Beweisführung und beeindruckenden Detailfülle beruht auf einer schon vier Jahrzehnte dauernden Beschäftigung mit der Thematik, auf intensiven Quellenstudien und Recherchen der Verfasser. Sie benutzen die gängigen Begriffe „Vertriebene“ und „Vertreibung“, weisen aber daraufhin, dass diese kritisch hinterfragt werden müssen. Mehr als die Hälfte der gemäß ihren Recherchen mit rund elf Millionen in der Zeit von 1939 bis 1949 zu beziffernden „Vertriebenen“ hat ihre „Heimat“ schon während des Krieges im Zuge der nationalsozialistischen „Heimholungs-“, „Rückführungs-“ und „Zwangsräumungspolitik“ bzw. als Flüchtlinge verloren. Daneben gab es tatsächliche Vertreibungen sowie Umsiedlungen.

Eine solcherart differenzierende Sicht sucht man in den gängigen bundesrepublikanischen Geschichtsdarstellungen vergeblich, stattdessen wird ein undifferenziertes und letztendlich unrichtiges Stereotyp von „der Vertreibung“ durch die Rote Armee geboten (z. B. Hans- Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. Bd. 4, München 2003). Hinsichtlich der Gesamtzahl der „Vertriebenen“ herrscht bis heute Uneinigkeit und „Sorglosigkeit“ im Umgang mit Quellen und Fakten, wie Eva Hahn und Hans Henning Hahn anhand von regierungsamtlichen Verlautbarungen, aber auch der Forschungsliteratur nachweisen. Der Bogen spannt sich von 14 bis zu 20 Millionen „Vertriebenen“. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Opfern der „Vertreibung“, wo auch in der Forschungsliteratur unbelegte Zahlen in Millionendimensionen herumgeistern, im Schwarzbuch der Vertreibung gar sechs bis zehn Millionen.

Die hier vorgelegte, sorgfältige, auch tschechische und polnische Forschungsergebnisse berücksichtigende und Dunkelziffern ausweisende Auswertung führt dagegen zu völlig anderen Ergebnissen in drastisch geminderter Dimension (S. 42 ff. und statistischer Anhang S. 656 ff.). Der gewählte Titel weist darauf hin, dass nicht eigentlich die „Vertreibung“, sondern das Erinnern an sie „einen wichtigen Bestandteil der kollektiven Identität der deutschen Nation“ bildet. Offensichtlich war es so, dass sich das in der Nachkriegszeit in Westdeutschland und dann in der Bundesrepublik formende Bild von der „Vertreibung“ primär aus anderen Quellen als aus denen geschichtswissenschaftlicher Aufarbeitung speiste. Dem Antifaschismus gelang es hier nicht, wirklich und nachhaltig zu dominieren. Die erst untergründige und dann immer offenere und schließlich auch medienwirksame Diffamierung der Potsdamer „Rachebeschlüsse“ und der Nürnberger „Siegerjustiz“, verbunden mit einem weitgreifenden „Heimat“anspruch auf ehemals deutsche Ostgebiete, übte auch auf das Erinnern an die „Vertreibung“ entscheidenden Einfluss aus. Nachwirkungen der nationalsozialistischen Gräuelpropaganda kamen hinzu. Verdrängt wurden dabei die in Teil 2 behandelten Erinnerungen an die NS-Eroberungs- und Ausrottungspolitik, für die sich die deutschen Minderheiten instrumentalisieren ließen, an die die osteuropäische Vorkriegsordnung unwiederbringlich zerstörende Errichtung des Großdeutschen Reiches, an die nationalsozialistische Räumungspolitik und die damit verbundene humanitäre Katastrophe. Demgegenüber sind die Potsdamer Grenz- und Umsiedlungsbeschlüsse, auf die die Verfasser ausführlich eingehen, gänzlich anders einzuschätzen, denn sie wurden von einer Mehrheitsmeinung der Völker der Anti-Hitler-Koalition mitgetragen. Das nahm man in der Bundesrepublik aber nie ernsthaft zur Kenntnis. Stattdessen erhob der westdeutsche Staat einen willkürlichen Anspruch auf die in der Zwischenkriegszeit umstrittenen Grenzen von 1937, der von den staatlich geförderten Vertriebenenverbänden lauthals eingefordert wurde.

Auch die bundesdeutsche Geschichtsschreibung leistete hierzu ihren Beitrag vor allem mit dem größten zeitgeschichtlichen Forschungsvorhaben in den Anfangsjahren der Bundesrepublik, das sich unter Leitung des ehemaligen NS-Ostexperten Theodor Schieder mit der „Vertreibung“, also nicht mit den Tätern, sondern mit den Opfern beschäftigte. „Die erste Bundesregierung initiierte dieses Projekt, um ihre eigene Sicht der Vertreibung zu dokumentieren und ihre eigenen politischen Ziele zu untermauern. An diesem Ziel orientierten sich die mitwirkenden Historiker, die interpretatorische Konzeption sowie die Auswahl der hier gesammelten Zeugenaussagen.“ In der Einleitung zum ersten Band machten die Autoren „keinen Hehl daraus, dass sie ,auf eine Neuordnung der Völkerbeziehungen‘ in Ostmitteleuropa − und damit auf eine Revision der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Staatenordnung − hofften“ (S. 461 f.). Die einseitige und, wie nachgewiesen, in vielem fehlerhafte Dokumentation prägte wesentlich das traditionelle fehlsichtige „Vertreibungs“bild in der Bundesrepublik.

Das andere Erinnern in der DDR, die andere Haltung zur „Vertreibung“ im Gefolge des Nationalsozialismus, zu Potsdam und der Oder-Neiße-Grenze und der andere Umgang mit Flüchtlingen, Vertriebenen und Umgesiedelten wird, allerdings nur auf 18 Seiten, mit vorsichtigem Bemühen um Objektivität, wenngleich doch wohl nicht in ihrem tatsächlichen historischen Stellenwert und in ihrer Langzeitwirkung verdeutlicht. Mit der endgültigen Anerkennung der Ostgrenze durch Helmut Kohl 1990/91 und durch den Bundestag (bei 13 Gegenstimmen, darunter Erika Steinbach) war aber keineswegs die notwendige kritische Auseinandersetzung mit dem traditionellen „Vertreibungs“bild verbunden. So hielt Bundeskanzlerin Merkel auch 2006 noch an „Flucht und Vertreibung von etwa 14 Millionen Deutschen“ fest, von denen „etwa zwei Millionen“ (S. 22) nicht überlebt hätten, und Außenminister Kinkel erklärte in Prag, dass die Bundesregierung die Vertreibung weiterhin als Unrecht betrachte und die Rechtswirkung der Potsdamer Beschlüsse niemals anerkannt werden würde. Die Bemühungen um eine Europäisierung der Vertriebenenfrage erscheinen in solchem Kontext problematisch. Ein umfangreicher statistischer Anhang erhöht noch den ohnehin großen Wert des Buches.